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- Hydromania

(2009) - Orig.: Hydromania (2008), engl.
Wasserfilter, Macht der Konzerne, und ein Embryo namens Erbse
Wasser war in der Region Palästina immer ein heißes Eisen. Man ging dafür über Leichen, man geht heute darüber, und erst recht 2067 in Assaf Gavron 's Zukunfts-Thriller, der aber auch an den Mut im Menschen glaubt, besonders an den einer Schwangeren.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 05.04.2009
Assaf Gavron - Hydromania
Zoom Assaf Gavron - Hydromania

Man nähert sich meist von Süden dem See Genezareth an und seinem Städtchen Tiberias und dem umliegenden Obst- und Gemüse-Land. Kurz danach geht es schon die Serpentinen hoch, hinauf zu den windgepeitschten Golanhöhen mit ihren alten Lesestein-Wällen auf den Wiesen. Wenn man will, fährt man weiter auf über 2.800 Meter Höhe zum Skifahren am Berg Hermon zwischen dem Libanon und Syrien.
Doch der See liegt auf minus 210 Meter Meereshöhe und ist somit der tiefstgelegene Süßwassersee der Welt. Das bedingt milde Winter und guten Früh-Anbau. Doch was ihn noch lebenswichtiger für Israel macht, ist das, aus was er besteht: Wasser!
Andernorts verläuft etwa ein Drittel der Wasserzufuhr Israels, nämlich unter der umstrittenen Westbank. 1947 wollten die die Araber nicht haben, jetzt wollen sie beide Streithähne. Ob zukünftige Einstaaten-Lösung, Zweistaaten-Lösung oder weiteres Durchwurschteln - einfach wird gar nichts.

Beim israelischen Schriftsteller Assaf Gavron ist im Jahre 2067 Tiberias von den Palästinensern erobert und Israel ein verschrumpeltes Staatsgebilde. Wie kommt's? Durch eine mögliche Interpolation heutiger Entwicklungen. Ob die Schutzmacht USA in ihrer Bedeutung verlieren oder gewinnen wird, ist schwierig abzuschätzen. Was jedoch sichtbar ist: Der weltweite Einfluß Chinas wächst und wird wachsen, schneller, als der anderer Nationen. Bestes Beispiel ist die fast schon monopolartige Ausbreitung auf dem afrikanischen Markt - keine Kunst; die Europäer schlafen ja - igitt, Afrika, und schicken allenfalls Alt-Kleider, die die heimischen Textilfabriken kaputt machen.
In Gavron 's Utopie herrschen eine Handvoll Unternehmen über die Welt-Trinkwasserverteilung. Im Nahen Osten, dem 'asiatisch-arabischen Block' angehörig, ist es der chinesische 'Ohiya'-Konzern, der Wasser filtert, entkeimt und verteilt. Und auch mit chemischen Mitteln die Niederschläge gezielt erzeugt. Sich also auch selber Knappheit bescheren kann, um die Preise zu treiben. Die Staaten und Gemeinden sind pleite und mussten die im Zeichen von Klimaerwärmung und Verschmutzung immens wichtig gewordene Wasserwirtschaft privatisieren.

„Tauch in dein Leben ein“ ist denn auch der aktuelle Werbespruch von 'Ohiya' einer der drei führenden Wassergesellschaften der Erde. Schön führt Gavron in einen nur leicht futuristischen israelischen Alltag ein, in dem man mit der Vorort-Bahn umsonst fahren kann, wenn man in Kauf nimmt, über seine Interface-Brille während der Fahrt Werbe-Berieselung über sich ergehen zu lassen. Die 'SEE', Sky-Eye-Earth - welch schöne Abkürzung, engl. „see“ - sieht alles; und nicht nur Geheimdienste, Polizei und Unternehmen haben Zugriff auf die Aufzeichnungen jedes Flecken dieser Erde, sondern, allerdings für teuer Geld, auch der Normalbürger. Die Menschen haben reiskorn-große multifunktionale Chips unter der Haut, mit der sie jederzeit in eine Datensphäre eintauchen können, aber auch jeder Zeit auffindbar sind. Privatheit war gestern.

Wir sind hauptsächlich unterwegs mit einer Schwangeren, Maja. Ja, richtig normal schwanger, auch in 2067. Ihre Gefühle zur 'Erbse', wie sie ihren Embryo auch noch im 7. Monat nennt - später hat sie zu viel Action um die Ohren, um bis zur Geburt noch großartig zu denken - klingen echt und die Heldin ist sympathisch. Ihr Mann tritt eigentlich nur kurz auf, hauptsächlich in Rückblenden, und ist die meiste Zeit verschwunden. Er ist eine der Figuren des Buches, die unheimliche und unerwartete Wandlungen vor dem Leser vollführen.
Dieser Mann hat die Nase voll von der Bevormundung durch die Wasserkonzerne und entwickelt kleine und mittelgroße Systeme zur eigenen Wasserfilterung im privaten Bereich oder für Kommunen. Damit befindet er sich immer auf einer Gratwanderung zum per Gesetz Möglichen. Seine Prototypen sind eine Bombe. Entweder in Händen des Verbrauchers oder in der Hand einer der Großkonzerne...

Doch zu Beginn des Romans ist Maja's Mann schon verschwunden. Sie quält sich auf dem Dach eine Leiter hoch, um den Wasserstand im Tank zu kontrollieren, ihre Zukunft scheint düster, jedes Glas Wasser genießt sie in betont kleinen Schlucken. Die bescheidene Firma des Ehepaares wurde unter mysteriösen Umständen kurz nach dem Angriff auf Tiberias von staatlicher Seite dicht gemacht. Ein alter Freund der Familie bietet ihr plötzlich seine Hilfe an. Doch scheinen seine Beweggründe keine altruistischen zu sein. Auch bekommt Maja plötzlich Besuch von der Polizei - Abteilung Mord.

Der Alltag des Großteils der Menschen ist beschwerlich, in guter alter Cyberpunk-Tradition. Hinzu kommt Gavron 's genüßliches Spiel mit dem Genre, wenn er die unheimlichen Möglichkeiten einer Chip-Transferierung schildert, mittels einer 'Doy-Operation', im Falle der Heldin natürlich von zwielichtigen Chinesen durchgeführt. Hat man den Chip eines Reichen erwischt, gehen etliche Abonnements für Dienstleistungen personalisiert auf einen über - das Bankkonto natürlich inklusive. Und 'Bots' - Roboter für leichte Arbeiten - sind auf die Chip-Impulse ihres Herrchen abgestimmt, haben allerdings auch visuelle Wahrnehmung; sie können also verwirrt reagieren...
Das Genre war in den Achtzigern stimuliert durch die damalige Macht der asiatischen Tigerstaaten und Japans und ist es heute durch die chinesische.

Das Menschliche überwiegt im Roman und so schildert er einfühlsam den eindringenden Keil des Alltäglichen in die Liebe des Ehepaares, sie die Finanzchefin des kleinen Wasser-Unternehmens, er das Technik-Genie. Der zunehmende Erfolg vor der Katastrophe wurde mit Einsamkeit bezahlt. Das Problem der Fixierung auf den Partner und Verlust von Freunden ist Maja ebenso nicht fremd. Aus dem Alleingelassensein-Gefühl der Protagonistin nach dem Verschwinden ihres Mannes und dem sich daraus entwickelnden Trotz - dem „Jetzt erst recht“ - entwickelt Gavron eine Zündung und Schwung zur Hälfte des Romans. In zwei Strängen, die Machenschaften, in die sich der Mann ziehen lässt als Rückblenden, und Maja's wieder in die Hand nehmen ihres Lebens in der Gegenwart, lässt er die Entwicklungen kulminieren.

Es ist nicht nur eine glaubhafte Story des Überganges des staatlich verwalteten Gemeingutes Wasser in die Hände skrupelloser Konzerne, sondern auch eines Mannes, der sich in seine Ideologie verbeißt und blind für Kompromisse ist. Ein Abbild des gesamt-israelischen Zustands? Die weibliche Seite muss erst kommen, um so etwas wie Hoffnung aufschimmern lassen hinsichtlich Gemeinsinn bei gesunder Selbstbestimmung. Maja, die Schwangere, die 'Erbse' schließlich auf die Welt bringt, zwischendurch in ihrer Kommune einiges geschafft hat, und 'Erbse' umtauft in 'Schui' - das ist Wasser im alten Chinesisch.

„In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet, und in Tel Aviv gefeiert“ sagt der Israeli. Hoffentlich weiterhin oder so ähnlich!

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Besprochene Ausgabe: Sammlung Luchterhand  |  2009  |  360 Seiten  |  Broschur*  |  € 9,00

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