
Eine Handgranate hat keine große Explosionswirkung. Auch keinen riesen Feuerball, wie im Kino, wenn sie explodiert. Aber eines Schreckliche hat sie: Tausende kleine Splitterchen, die sich radial mit Schallgeschwindigkeit ausbreiten. Das hätte auch Attentäter 'Fahmi' bedenken sollen, bevor er so ein Ding von sich und seinem Opfer 'Eitan' wegschmeißt. Eigentlich hätte er diesem widerspenstigen Israeli - der will und will nicht sterben, auch nach drei Attentaten nicht - den Garaus machen sollen. Doch Fahmi ist ein feiger Selbstmordattentäter und behält die Granate nicht zwischen sich und seinem Opfer. Im Krankenhaus liegt er danach trotzdem.
Assaf Gavron verbrät dieses fast alltägliche Leben mit Terroranschlägen in Israel während der Mitte bis Ende der Nuller-Jahre als Satire. Sicher nicht jedermanns Geschmack, doch wurde das Buch in Israel zum Bestseller. In einer Art Inner Space Fiction beleuchtet er die Gedankengänge des palästinensischen Attentäters, der anfangs wenig Sympathie mit der israelischen Krankenschwester hat, die ihn nun pflegt, sondern sie innerlich mit Fotze und Nutte tituliert. Denn er ist halbtot, bewusstlos „wie eine Gurke“. In changierender Perspektive von Kapitel zu Kapitel stellt Assaf Gavron dem die Erinnerungen Eitans gegenüber. Der ist gerade mal wieder einem Selbstmordattentat entronnen. Nicht mal den Knall hat er gehört, da er gerade im Aufzug auf dem Weg zu seinem Büro steckt. Doch das Neuner-Taxi - dort sollte sich doch kein Anschlag „lohnen“, oder? -, in dem er noch vor wenigen Minuten saß, ist nur noch Fetzen und auch seine Insassen.
Den beiläufigen Galgenhumor haben sicher fast alle Israelis, nicht nur Autor Assaf Gavron. Anders käme man wohl schwer mit dem Leben klar. So erinnert sich Eitan trocken, dass beim letzten Attentat wirklich nur die Insassen getötet wurden und „wie durch ein Wunder“ niemand weiteres verletzt wurde, doch: Das Auto eines Kerls, der wenige Sekunden vorher ausgestiegen war, um in eine Bank zu gehen, erlitt einen Totalschaden. Doch die Versicherung zahlte nicht: Der Wagen stand im Halteverbot. Oder das Palm-Top eines Typen, der im Neuner-Taxi Eitan damit neidisch gemacht hatte: Eitan findet es jetzt unversehrt an einem Busch hängend am Tatort...
Das Verhältnis zu seiner Freundin scheint auch nicht gerade mustergültig: „Hier war ein Attentat; hab's überlebt; falls es Dich überhaupt interessiert...“ schickt er ihr als Short Message. Doch mit Zynismus kann er nicht lange verdecken, dass dieses dreimalige von der Schippe des Todes springen seinen Tribut bei ihm einfordert...
In den Medien wird er zum Helden stilisiert und damit mehr und mehr das Hassobjekt für potentielle Attentäter. Einer, der den ganzen verhassten untötbaren Riesen Israel verkörpert. Auch die „Selbsthilfegruppe für Überlebende von Anschlägen“ bringt keine Abhilfe.
Gavron verliert sich recht häufig in nebensächlichen Tagträumereien Eitans und recht ausufernden Betrachtungen Fahmis, der in seinen Erinnerungen freilich auch weit zurückgehen muss, bis 1948, zur Geschichte seiner Väter und Großväter, den Demütigungen durch die Israelis, zum fraglichen, trotzigen Abwehrkampf in Selbstüberschätzung. Man traut Gavron auch nicht wirklich zu, sich in einen Selbstmordattentäter hineinversetzen zu können. Fahmis hohe Selbstreflexion passt nicht zum tumben Gruppenzwang, dem er sich wohl angesichts eines resignierenden Vaters und eines gewaltverherrlichenden Bruders unterwirft. Doch gegen Ende nimmt „Ein schönes Attentat“ nochmal Fahrt auf, und es wird ersichtlich, dass Fahmi und Eitan viel mehr gemein haben, als nur den selben Klingelton auf ihren Handys...
Anzeige
Besprochene Ausgabe: btb | 2010 | 352 Seiten | Broschur* | € 9,00
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
Anzeige
1. Cem Gülay: Türken-Sam - Eine deutsche Gangsterkarriere (2009)
2. Seyran Ateş: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution (2009)
3. Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise (2009)
4. Joey Goebel: Heartland (2009) - Orig.: Commonwealth (2008), engl.
5. Stewart O'Nan: Letzte Nacht (2008) - Orig.: Last Night at the Lobster (2007), engl.
Banana Yoshimoto:
Mein Körper weiß alles - 13 Geschichten
Diogenes, Festeinband
Josh Weil:
Herdentiere - Eine amerikanische Novelle
Dumont, Festeinband
Hanna Lemke:
Gesichertes - Stories
Kunstmann, Festeinband
Gwendoline Riley:
Cold Water
Goldmann, Broschur
Alexandra Kui:
Wiedergänger
Hoffmann & Campe, Festeinband
Ray Bradbury, Tim Hamilton:
Fahrenheit 451 - Die Graphic Novel
Eichborn, Festeinband