Die nasse Kälte, die nie trocknenden Klamotten, das Warten, das Fahren oben auf dem Panzerwagen - in den nassen Klamotten - und die legendär stockende Verpflegung in der russischen Armee lassen nur einen Gefühlszustand zu: eben die Gefühle abzuschalten, das Denken auszusetzen, runterzufahren in einen dumpfen Lebenserhaltungs-Modus.
Arkadi Babtschenko schreibt einen archetypischen Kriegsbericht. Das Soldatenleben seiner Hauptfigur Artjom, der schon den Ersten Tschetschenien-Krieg miterlebte, kann sich in jedem Krieg so zutragen. Es gibt einen Seitenhieb auf Boris Jelzin, der den ersten Krieg gegen den sich 1991 gründenden Scharia-Staat befahl, aber Babtschenkos Anliegen ist nicht die Politik. Es ist vielmehr das Verlieren beider Seiten eines solchen Konfliktes: die traumatisierte Soldaten- und Guerilla-Generation und die Leiden der Zivilisten, tatsächlich ja auch der in Russland lebenden, bedingt durch Terror und Geißelnahmen der Guerilla.
Man ist 48 Stunden mit Artjom unterwegs, und da der Autor selber gedient hat, ist es wohl ein recht realistischer Einblick in die Form eines Krieges, in dem sich die Verteidiger - spärlich an Zahl und in der Ausrüstung - einem Militärapparat entgegenstemmen, dem Fahrzeuge und Munition nicht ausgehen. Die eigentlichen Kampfhandlungen sind lakonisch beschrieben und wirken fast weniger beklemmend als das, was zwischen ihnen stattfindet: die Bedrohung von Artjoms Kompanie durch einen unsichtbaren Feind, das Stellung-Halten auf nacktem, sumpfigen Boden, ohne sich auch nur durch eine brennende Zigarette oder gar ein wärmendes Feuer erkennbar machen zu dürfen. Der sich einschleichende Leichtsinn, wenn es zu lange ruhig war. Kommt dann der feindliche Beschuss, passiert das, was passieren muss: Weil eine Guerilla ihren Kampf, außer bei Hinterhalten, nicht im Gelände führt, sondern sich in Gebäuden verschanzt, werden von Armeeseite mit großen Kalibern ganze Ortschaften niedergewalzt. Ob das Kriegslogik oder Menschenrechtsverletzung ist, ist seit Kriegserfindung eine müßige Nomenklatur-Frage.
Einem Stillleben gleich, dokumentiert Babtschenko die offensichtliche Hölle. Auf einen sich sichtbar gebenden gegnerischen Scharfschützen wird lieber nicht geschossen, solange er nicht in die eigene Richtung schießt:
Ringsum tobt der Krieg, und wie üblich versteht man nicht die Bohne, jeder macht seine Arbeit - der Scharfschütze schießt, die Soldaten des Inneren kämpfen, Artjom und der Psychologe schleppen das Fahrzeug ab, die Geschosse detonieren, Kugeln fliegen, der verwundete Fahrer ist zu Fuß nach Hause gegangen, wie ein Schüler nach dem Unterricht - jeder kocht sein Süppchen in diesem Krieg, und niemand will diesen kurzen Waffenstillstand antasten.
Ein Kunststück gelingt Arkadi Babtschenko, indem er kein einziges Sterben eines Menschen direkt beschreibt. Er geht es viel schlimmer an. Aus einem beiläufigen Gespräch erfährt die Figur Artjom im Nachhinein, dass er für das Sterben einer Achtjährigen und ihres Großvaters direkt verantwortlich war. Ein Freund und Kamerad gibt ihm den Tipp „Denk während des Krieges nicht mehr daran, denk erst zuhause wieder daran.“ Das Grauen des zukünftigen Wieder-Zuhauseseins erzählt Babtschenko in „Ein guter Ort zum Sterben“ nicht mehr; er lässt es sich den Leser vorstellen.
Besprochene Ausgabe: rowohlt BERLIN | 2009 | 128 Seiten | Festeinband* | € 14,90
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