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Arimasa Osawa - Giftaffe: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Giftaffe

(2014) - Orig.: Shinjuku Zame 2 - Doku Zaru (1991), japanisch
Pass auf deine Finger auf
Bereits 1991 im Original erschienen, bietet "Giftaffe" immer noch einen lesenswerten Einblick ins sadistische Gangstermilieu Tokyos mit seinen Pseudo-Ritualen um Ehre und Höflichkeit.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 09.09.2014
Arimasa Osawa - Giftaffe
Zoom Arimasa Osawa - Giftaffe

Die Filme aus der Reihe "Der Pate" bilden den größten Zynismus der Filmgeschichte. Ihre Helden stehen an der Spitze einer Hierarchie-Pyramide, von deren Basis nichts gezeigt wird. Arimasa Osawa dreht das in seinen Büchern um die Yakuza eher um: Er zeigt das Spiel des Gefügigmachens der Basis, die hier meist aus eingewanderten Chinesen und Taiwanern mit prekärem Aufenthaltsstatus besteht. Er versetzt sich während einer Gruppenvergewaltigung hinein in den Kopf der Mitarbeiterin eines "Clubs", wie sich die Bordelle meist betiteln. Auch noch, als ihr ein älterer Yakuza, der als einziger zugeschaut hatte, einen Zeh abschneidet. Er sieht nicht nur, wie der Angestellte einer Spielhölle mit blau geschwollenem Gesicht bedienen muss, er führt auch akribisch den Dialog der Demütigung durch den Chef auf und dessen Schläge. Er beschreibt die Tricks, die unteren Chargen im Drogenhandel selber süchtig zu halten - Zeitarbeitsplätze sozusagen, bis zum körperlichen Kollaps. Finger können vorher schon fehlen; schon für kleine Fehler oder Festnahmen durch die Polizei abgeschnitten.

Im Amüsierviertel Shinjuku, Tokyo, ermittelt Oberkommissar 'Samejima', genannt der Hai, weil er den Biss nicht locker lässt, bis er seine Kontrahenten dingfest oder tot gemacht hat. In "Giftaffe" muss er einen untergetauchten taiwanesischen Killer stoppen, der auf einem Rachefeldzug ist, mit Endziel, einen Bandenboss umzubringen, der ihn einst verraten hat. OK Samejima versucht dies mithilfe eines illegal in Japan ermittelnden, ebenfalls taiwanesischen SEKler zu verhindern. Versagen die beiden, droht ein Bandenkrieg.

In einem Interview von 2007 weiß Arimasa Osawa, dass es mittlerweile zu teuer geworden ist, die einst günstigen taiwanesischen Killer anzuheuern, wenn die "Ganovenehre" eben gebietet, den Kontrahenten nun doch aus dem Weg zu räumen. Er weiß auch, dass den Untergruppierungen der Yakuza der Friede lieb ist - Kämpfe ziehen nur Energie aus den "wirtschaftlichen" Tätigkeiten. Leider sieht das auch die Polizei von ihrer speziellen Perspektive aus so, glaubt man Osawa 's Büchern. Seinem OK Samejima ging das Wegsehen und die Korruption der Polizei schon immer gegen den Strich, das stillschweigende Miteinanderauskommen der Kriminaler und der Kriminellen. So ist die Figur eine typische des Hard-Boiled-Genres: unangepasst und damit Außenseiter im Polizeiapparat, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl.

"Giftaffe" wirft auch ein Licht auf eine besondere Form der Migration aus dem damals noch zur Zweiten Welt gehörenden Taiwan: Von 1984 bis 1985 wurde während der Yiqing, der "großen Säuberung", hart gegen die Organisierte Kriminialität vorgegangen. Das Ergebnis: Viele Banden setzten sich nach Japan oder Hongkong ab. Doch auch andersrum investierten japanische Syndikate in Luxusclubs und Restaurants auf Taiwan. Die Steuerung fand meist von Shinjuku aus statt, dem Revier von Buch-Held Samejima ...
Die Melange der Flüchtlinge aus der Halbwelt und der Wirtschaftsflüchtlinge aus den einstigen Zweite-Welt-Ländern China und Taiwan gibt exemplarischen Grundstoff für die Genese der Fremdenfeindlichkeit in Japan.

Formal ärgerlich ist, dass der Verlag pendragon kaschiert, dass "Giftaffe" bereits 2007 als deutsche Erstausgabe unter dem Titel "Der Hai von Shinjuku: Rache auf chinesisch" als Hardcover erschienen war. Woran mag es liegen, dass der damalige Verlag cass nur die ersten beiden Bände um OK Samejima übersetzen ließ? Es sind zehn im Japanischen mittlerweile. Nun, zum einen sind die detailgenauen Schilderungen von Gesellschaft, Beamtenapparat und Bandenstrukturen eben doch schon zweieinhalb Jahrzehnte alt. Natürlich spiegelt sich die Änderung der Geschäftsfelder des Organisierten Verbrechens in Arimasa Osawa 's Folgebänden. Im Deutschen könnte man mit den Übersetzungen zu spät angefangen haben.
Zum anderen könnte Osawa 's Detailverliebtheit - im eher negativen Sinne - manch Leser ausbremsen. Seine Sprache ist nüchtern, und sein Erzählfluss ruhiger als im gewohnten angelsächsischen Krimi. Also wird er Lesern des Ungewöhnlichen gefallen.

[Die dt. Erstausgabe erschien unter dem Titel "Der Hai von Shinjuku: Rache auf chinesisch", 2007]

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Besprochene Ausgabe: Pendragon  |  2014  |  448 Seiten  |  Broschur*  |  € 13,99

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