Der Dauer-Tanzwettbewerb, das ist doch so ein Dreißiger-Jahre-Ding, etwas aus einer Zeit tiefster Depression, etwas Schwarz-Weißes aus Film oder vom Foto, etwas Mythisches, Vergangenes. Da hängen Paare halbohnmächtig aneinander, 36 Stunden, 50, und mehr.
Wer einmal einfach so, ohne Not, versucht hat, den Schlaf von nur einer Nacht zu überspringen, ahnt, dass solch eine Unmenschlichkeit auch nur zu Zeiten höchster Not passt. Opium fürs Volk, die Zuschauer, und ein paar Dollar für den Gewinner.
Anthony McCarten - obgleich Neuseeländer - schreibt mit „Hand aufs Herz“ das Buch zur deutschen Abwrackprämie - auf deutsch im schweizer Verlag Diogenes. Seine mythischen Helden der Jetzt-Zeit strömen zu einem pfiffigen Autohändler, der demjenigen einen Geländewagen zuspricht, der im Freien - und es ist Herbst - am längsten eine Hand, im Stehen, auf dem Objekt der Begierde liegen hat. Früher gab man den Pferden den Gnadenschuss, so auch Titel eines berühmten Romans von 1935, heute dem zusammenbrechenden Menschen neben einem stehenden Auto. Ganz ohne Blessuren oder im günstigsten Fall ohne seelische Läuterung wird keiner der 40 ausgelosten Teilnehmer, anfangs aus Platzgründen auf zwei Autos verteilt, aus dem Abenteuer aussteigen. Einer wird noch schlimmer bezahlen.
Es schälen sich zwei Hauptfiguren neben den immer weniger werdenden Nebenfiguren heraus. Wie kryptische Hinweise in einem dieser Mysterythriller-Bücher, zieht sich das Herunterzählen des Standes der Teilnehmeranzahl als übergroße, fett gedruckte Ziffern durch den Text.
Aber warum macht der Veranstalter so etwas Archaisches? Natürlich steckt auch er, wie die meisten seiner Teilnehmer in der Klemme und kurz vor der Pleite. Auch er hat seine Abgründe, und die treten in Notzeiten umso mehr ans Tageslicht, wie man bald merkt.
Der gescheiterte Selbständige 'Tom', mit ausgewiesen hohem IQ und überzeugt, er habe Erfolg im Leben und auch das Auto „verdient“ und die „Verkehrsaufsichtskraft 2061“, also Strafzettelverteilerin 'Jess' mit ihrer querschnittsgelähmten Tochter, wirken anfangs ein bisschen holzschnittartig. Doch davon sollte man sich nicht abhalten lassen. Die Figuren differenzieren sich aus und werden sich im Fortlauf Dinge an den Kopf schmeissen, die in anderer Situation kaum geschmissen werden würden. McCarten wird dabei nicht zotig, und neben den Charakterbildern der Figuren bildet die fesselnde Ablauf-Schilderung eines solchen Durchhaltewettbewerbs den Kern des Buches.
Von jung bis alt, durch alle Bevölkerungsschichten, hat McCarten seine Protagonisten gewürfelt. Da schmieden sie anfangs noch Theorien, warum etwa das Alter mit seiner Willenskraft und der Möglichkeit des Zehrens von Erlebnisvorrat, um sich am Einschlafen zu hindern, einen Vorteil bedeuten könnte. Da wird über die unterschiedlichen Motivationen diskutiert, unter denen sie teilnehmen. Unterstützer-Clans, „Cheerleader-Trüppchen“ sammeln sich auf dem Gelände. Es regnet. Es wird kalt. Das Autodach wird zu heiß, am Tage...
Sogar 'Hatch', der Händler, muss manchmal zu seinen Angestellten murmeln: „Mein Gott, die armen Schweine.“
Der Mikroschlaf wird eine immer größere Gefahr für alle; drei, vier Sekunden lang, „genug, dass einem die Hand vom Auto rutscht.“
Das anfängliche Jubilieren der Teilnehmer beim Ausscheiden eines Konkurrenten verliert sich schnell in ein Schuldgefühl. Für wen halten die letzten vier, nach mehreren Tagen, mehr sei nicht verraten, eigentlich noch durch - für sich selbst, oder für jeden einzelnen des mittlerweile verschworenen Quartetts?
Wieviel Solidarität braucht ein Gemeinwesen? Und was muss man sich selber holen und wieviel?
Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2009 | 336 Seiten | Festeinband* | € 21,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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