Ein "Ethikrat" setzt folgende Annonce:
Ihre intimsten Gedanken mit riskanten sprachlichen Mitteln preisgeben, Ruhm und Ehre dafür erhalten? Das klingt unwahrscheinlicher als der Mensch, der sich in den Lüften als Pilot verdingen soll.
Das Unwahrscheinliche ist unser Metier. Ihres, unbekannterweise: Verzweiflung, Überlegung und Fleiß. Zusammen geben wir den Menschen mehr als die Boeing: die Selbsterkenntnis.
Zuschriften an: [...]
Ein hehres Ziel. "Riskante sprachliche Mittel" folgen auf jeden Fall in den "sieben Prozent" an Zuschriften, die Ethikrat aka Ann Cotten in Form von Lyrik und Prosa etwa fifty-fifty in "Florida-Räume" veröffentlicht. Selbsterkenntnis freilich - man weiß es von den Poetry-Slammern, und auch Ann Cotten ist einer, die nehmen ihren Mund gerne voll - beschränkt. Auch zuviel In- und Gehalt sollte kein Leser hier suchen. Das Buch setzt ein gesund Maß voraus an Liebe zum Wort, an seiner Hintereinanderreihung, an Dialektik, die die Bedeutung der Worte eventuell in Luft auflöst und Liebe an Vieldeutigkeit.
"Widerwillen und grundloses buhlendes Zutrauen überstürzten sich konfus" in den Zuschriften, die den Ethikrat erreichen. Anbiederung oder schnodderiger Tonfall fällt ebenso auf. Im Kommentar zu einer der Einreichungen - alle sind sie kommentiert - lässt sich der Rat schon mal zur Bewertung "regredierend hingerotzte Tirade" hinreißen. Also Selbstironie included. Das darf man bei "Florida-Räume" als positiv rechnen, der Leser ist aufgerufen, sich mit dem Zeugs auseinanderzusetzen, als wenn er gleichsam in der Jury sitzt. Amüsement freilich ist anders. Kein Buch zur Entspannung. Schade und auch frech, legt dies doch der ausgefeilte Klappentext nahe.
Die Gedichte im ersten Viertel machen durchaus Spaß. Das Getacker aus Deutsch und Englisch gibt nichts anderes wieder als das Kauderwelsch im Club oder auf der Straße, seit sich Berlin in die europäische Hippnessmetropole verwandelt hat. Ann Cotten war bis zum fünften Lebensjahr US-Amerikanerin - falls jemandem dieses Wissen um den Bio-Hintergrund noch mehr Soul in ihrer Lyrik bescheren sollte.
Mit der Prosa dann, wird's fad. Das Hinklopfen der Worte macht man ja auf dem Slam auch ob der lautmalerischen Wirkung. Es funktioniert in Cottens Lyrik, aber die Prosa ist ihrer Form nach zu lang dafür und ihre vor allem zu inhaltsleer und plot-los. So zieht etwa eine Bande philosophierender Hunde, also wirklich Hund, das Tier, durch Berlin, ein anfangs zynisches Cruisen mit viel Lästerei über Mensch und Stadt-Physiognomie, durch Orte, die der Berliner kennt. Das wurde schnell langweilig und lud zum Querlesen ein und die Einladung nahm der Rezensent gern an. Gegen Ende des 286-Seiten-Bandes stürzt man sich nochmal voller Erwartung auf den Beitrag der Künstlichen Intelligenz 'Amun'. Leider auch hier nichts Neues zum Thema Schaltkreise contra Fleisch. Plot auch Fehlanzeige.
So bleibt "Florida-Räume" etwas für den literarischen Elfenbeinturm. Ann Cotten weiß das und will es auch nicht anders, das ist sicher und nicht unwahrscheinlich.
Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2010 | 250 Seiten | Festeinband* | € 19,80
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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