"Sicher hat man sie als Kinder geschlagen. Vergeblich." Die meisten vom Ich-Erzähler Beobachteten haben Glatzen und abstehende Ohren und sehen unterernährt aus. Etwas besser weg im Aussehen kommen noch die "dunkelhäutigen Freunde", nämlich die Zigeuner; das scheint programmatisch, sind sie doch die einzigen, die keinen Staat haben, also auch nicht unter einem zu leiden hätten, in Andrzej Stasiuks Odyssee durch benannte und unbenannte Länder des einstigen Ostblocks. "Alle beschäftigen sich nur provisorisch mit dem Leben", konstatiert der Erzähler für das Städtchen, in dem er selber nur ein Temporärer zu sein scheint, "in der Hoffnung, dass alles auf den Kopf gestellt wird, dass alles ganz anders wird, als es ist, dass die Letzten endlich die Ersten sein werden." Sobald Kinder vorkommen, rauchen sie wie die Schlote. "Sie redeten, während sie den Rauch einsogen, und redeten, während sie ihn ausbliesen. Keiner von uns konnte das. Wenn sie gerade schwiegen, machten sie noch tiefere Züge." Man merkt es schon, Mitleid ist anders, zumindest offensichtliches; doch ein Andrzej Stasiuk ist weder Zyniker noch Sarkast, je zotiger er erzählt, umso mehr taucht der liebevolle Chronist an die Oberfläche.
Und der erzählt in einem wahnsinnigen Zickzackkurs und in vollendeter Kunst des Abschweifens - und die heißt Fiat Ducato. Für Händler 'Wladek', die zentrale Figur in "Hinter der Blechwand" und Fahrer 'Pawel', den Beobachter, gibt es keine Grenzen in Ex-Ostblock, es ist einfach eine Fläche zwischen Festung Europa und dem bösen "Iwan" - Russen-Bashing gibt es auf jeder zweiten Seite. Ihre Homebase, das namenlose Städtchen, ließe sich wohl interpolieren, würde man anhand der hunderte Ortsnamen, die im Zuge von Floh- und Jahrmarktsbesuchen der beiden vorkommen, mit Karte und Lineal rückwärts einschneiden. Doch die Unterschiede der Provinz von etwa der Ukraine, der Slowakei, Ungarn oder Rumänien will Stasiuk gar nicht zeigen. Die Landschaften sind karg, windumpfiffen und meist staubig. Sie sind unwirklich und geisterhaft, wie einer Dystopie enthoben, doch die lehnt ja ihr Erdachtes auch nur ans wirklich Vorhandene an. In den Gebäuden einer ehemaligen Grenzstation versuchte sich zuerst eine Kneipe, dann Kneipe mit Disco, Puff und so fort. Alles scheiterte. So nutzen sie nun die Zigeuner als eine "Art neuer Zollabfertigung". Die Vorbeifahrenden geben den Kindern gewohnheitsmäßig Geld, oder man steigt aus, hält einen Schnack und handelt ein bisschen.
Die beiden "Könige des Plunders" versuchen sich mit Wertbeständigem, eher Lederklamotten, obgleich längst Trash aus Asien die Märkte überflutet. Fast noch gute, alte Zeit sind da paradoxerweise die Achtziger für Wladek, als man mit zwielichtigen Kofferraumtransporten aus Russland oder der Ukraine in den allerdüstersten Satelliten, wie etwa Rumänien, ein Vielfaches an Gewinn machen konnte. Für die Bewohner im Land des "Schusters", Ceausescu, jedoch ein wahrer Alptraum: "Aber die Rumänen waren verbissen. Als würden sie jeden und alles hassen. Wenn du in ein Loch im Boden scheißen und bei Nacht mit einer Kerze auskommen müßtest, würdest du auch alles hassen. So sah das aus. Nachts fuhr man durch ein abgeschaltetes Land." Mit solcher Wortmacht springt Wladek ständig zwischen Zeiten und Orten hin und her, und Begleiter Pawel fragt sich, ob Wladek wohl schon mal ein komplettes Leben hinter sich gehabt hat, bevor er ihn kennenlernte. In der Haupt-Erzählzeit schlagen sich die beiden mit peitschenschwingenden Jahrmarktschefs rum, kaufen Sprit für den Ducato, der aus Transformatorenflüssigkeit gewonnen ist, schauen zu, wie ein vietnamesischer Händler von einer Muttersau zertreten wird und schließlich: Wladek verliebt sich in eine andere Rastlose, eine Jetonverkäuferin auf dem Rummel. Doch die ist gleichzeitig Ware Mensch und unfrei, und jetzt geht's hinein ins Eingemachte in der Story von "Hinter der Blechwand", ins scheußlichste aller Geschäfte, befeuert durch den "weltweiten Trend des Umzugs von Ost nach West." Wie immer, je flachsiger ausgedrückt bei Andrzej Stasiuk, umso ernster.
Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2011 | 349 Seiten | Festeinband* | € 22,90
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