Da kommt ein unbeschwerter englischer Kunstgeschichte-Student, mit dem Abschluß so gut wie in der Tasche, daher, mit all seinem Drang zu leben und erleben, und maßt sich an, mal eben ein paar Monate in Venedig zu jobben, um in Ruhe einen Roman zu schreiben. Kann ja jeder, ist ja nix, einen Roman zu schreiben. Dass es einen Unterschied gibt zwischen Flausen im Kopf und dem Funktionieren der schnöden realen Welt, merkt 'Adam Woods' alsbald. Um ihn völlig zu deillusionieren, klatscht ihm der über siebzigjährige Literat 'Gordon Crace', bei dem er in Venedig einen Brot-Job ergattert, noch folgendes rein:
Obwohl ich mittlerweile schon seit über dreißig Jahren hier in Venedig lebe, hatte ich nie das Verlangen, es mir anzuschauen. [...] Die sogenannte reale Welt wird allgemein deutlich überschätzt
Und da sind wir beim Thema und Andrew Wilson 's Ursprüngen. Der schrieb eine hochgelobte Biografie über die Meisterin Patricia Highsmith. Deren immer wiederkehrende Held Tom Ripley ist Meister der Illusion, ihn interessiert es nicht, welche Identität er gestern verkörpert hat, wenn ihm am heutigen Tag eine andere nützlicher ist.
Trotzdem zollt Andrew Wilson wenigstens den Schauplätzen der Ripley-Krimis reellen Respekt. Akribisch und atmosphärisch zeichnet er die ersten Tage des Studenten Adam Woods in Venedig. Der hat erstmal die Schnauze voll vom kalten England und einer zuende gegangenen Beziehung. Er will und muss die Stadt wechseln, und bleibt hartnäckig, obwohl der ihm versprochene Job - eine Stelle als Privat-Englischlehrer für einen Sechszehnjährigen - den Bach runtergeht; der Fratz reicher Eltern hat die Tochter der Haushälterin geschwängert und wurde zwecks Besserung erstmal nach New York ausgebürgert. Da deutet sich schon das Groteske und Abseitige in Wilson 's Roman an, wenn er die Eltern des Bürschleins in ihrem kalten Palazzo beschreibt, die Mutter perfekt gestylt, puppengleich, der Vater perfekt gestriegelt und zuvorkommend - er will den Verdienstausfall und Flug ersetzen -, lässt aber auch unzweideutig zu verstehen, dass er dem salopp gekleideten englischen Studenten jetzt fürderhin keine Zeit mehr widmen möchte. Die Mutter schon, und sie kümmert sich um die Ersatzstelle bei besagtem Literaten.
Der ist dann weitere Traumfigur, exaltiert und erstmal unseres Erfahrungshorizontes enthoben, ein wahrlich literarisches Kunstprodukt, das in seinem mehrstöckigen Palazzo nur über eine Brücke zu erreichen ist und schon unzählige Haushaltshilfen durch hat - deren er dringend bedarf, weil er selber das Haus nicht verlässt, seit 30 Jahren...
Adam Woods, der herzensreine Student, anfänglich stellt man ihn sich süß welpengesichtig vor, packt die Chance, und scheuert sich die Finger wund, um im vernachlässigten Palazzo wieder Ordnung zu schaffen. Das geht bisweilen an die Ekel-Grenze, was sich dort an Schmützen angesammelt hat.
Freilich, Literat Crace heuerte ihn nur in zweiter Linie wegen Funktionalem an, sondern weil man sich flux beim ersten Gespräch auf Gemeinsamkeiten in Kunst und Literatur eichte. Und mehr - obgleich riesen Altersunterschied, bahnt sich da Homoerotik an, angeschmiegt an Highsmith 's Ripley. Und genau wie bei ihr, oder beim Mosi oder beim Sedlmayr, wegen dem Verdrucksten, Geleugneten, Halbseidenem, kann das Ganze urplötzlich in Gewalt umschlagen.
Crace hatte nur einen Bestseller, genauer gesagt nur ein veröffentlichtes Buch überhaupt. Und in dem kommt ein grausamer Mord vor, der jeglicher Affektion enthoben ist; er ist reines, kaltes Kalkül. Adam Woods wird recherchieren, inwieweit das Fiktion ist... Denn längst weiß er, dass ihm die Symbiose auf die er sich mit Crace eingelassen hat, keinen Raum lassen wird, einen eigenen Roman zu schreiben. Da Crace ihm anordnet, auch in die Stapel von jahrealter Korrespondenz Ordnung zu schaffen, reift in ihm die Idee, mit all diesem Hintergrundwissen statt eines Romans eine Biografie über den in den Sechszigern so Berühmten zu verfassen.
Andrew Wilson 's "Mit gespaltener Zunge" bietet unbefangene, frische, junge Schreibe, korrespondierend mit eben genau jenem studentischen Helden. Er kann uns gut in dieses sorglose, blumige Gefühl hineinversetzen, wenn man gerade einen Abschluß erlangt hat; sei es in Lehre, Schule oder Uni. Die Welt steht offen. Und schließt sich alsbald auf - im Falle von Andrew Wilson - mysteriöse Weise.
Besprochene Ausgabe: Droemer | 2010 | 384 Seiten | Festeinband* | € 19,95
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