
Sein Plot ist schnell erzählt: Weißer Anwalt 'Richard', Spezialität Strafverteidigung, betrachtet die Verteidigung der bösen Jungs gegenüber der Staatsanwaltschaft mehr als befriedigenden Sport denn als Befriedigung eines Gerechtigkeitsbedürfnisses. Obgleich der richtig fiese Hardcore-Gangster Russe 'Svetzki' einer seiner umsatzstärksten Kunden ist, bleibt Richard eigenartig naiv, was solch Umgang für ihn implizieren könnte. Von seiner Ehefrau genervt, ist es ein kleiner Schritt für ihn, sein Handy zu zücken, als ihm Svetzki die Telefonnummer einer Masseuse zuschiebt, mit der Bemerkung, Richard müsse dringend mal auf andere Gedanken kommen. Und schon sind wir bei der Verknüpfung zu einer Art Gegenwelt, die Brown dem situierten Mittelstand gegenüberstellt: die Masseuse ist Flüchtling aus Nigeria, und Richard entwickelt die Mischung Geilheit, falsche Romantik und Helfersyndrom für sie.
Wir lernen viel, etwa dass Südafrika sozusagen das Europa für afrikanische Flüchtlinge ist, nur dass es eben in Afrika liegt. Ebenso, dass auch Südafrika keine Zauber-Volkswirtschaft ist, die mal eben jeden Eingewanderten schluckt und schwupps zum besseren Leben verhilft. Leute wie Russe Svetzki weiden sich daran, als Schlepper und Abzocker, die ihre Schützlinge nicht aus den Augen lassen, auch wenn sie schon im Land sind und aus einer Spirale von ewiger Erpressung zu miesen Jobs und ständig neuen Geldforderungen nicht heraus lassen.
Schade nur, dass uns Brown stocksteif belehrt, uns die Lebensläufe seiner Flüchtlingsfiguren wie eine getippte Vita runterrattert und das, was er aus fünf im Anhang angegebenen Sachbüchern über Nigeria gelernt hat wie in einem Schulaufsatz zusammenfasst. Das Auseinanderleben von Richard und Ehefrau beschreibt er einfallslos und wenn er dann doch wieder etwas hard-boiled auftrumpfen will, holt er alle Klischees hervor, die man übers Gefängnis-Leben, das ein weiterer Mandant von ihm unschuldig genießt, jemals gehört hat, gipfelnd in einem über sechs Seiten zelebrierten Gang-Rape, der einen eigenartigerweise völlig kalt lässt, obwohl Sperma, Blut und Scheiße fließen.
Letztlich gerät Autor Andrew Brown selbst - wie seine Hauptfigur Richard - in eigenartige Ethno-Verklärung, wenn er etwa die nigerianische Masseuse schwärmen lässt, wie sehr in ihrer Welt Namen und Worte von Wichtigkeit sind. "In meiner Welt kann dieselbe Sache mehrere Bedeutungen haben. Etwas Gesagtes kann vieles bedeuten. Vergiss das nie." Welche Kultur würde diesen Gemeinplatz nicht von sich behaupten? Richard darf sich endgültig am Schwulst ergötzen, wenn er der Namensgebungszeremonie eines Säuglings beiwohnen darf. Die einzige fassbare, lebendige und wahrhafte Figur in "Würde" ist ausgerechnet Gangster-Russe Svetzki. Doch das hat seine Logik, das muss sich Brown unbewusst zugute halten, denn das Böse wird ganz eindeutig siegen in seinem Buch. Doch insgesamt wirkt Andrew Brown wie ein Kind, das gerade entdeckt hat, dass die Welt schlecht ist und sein Unbehagen darüber nicht elegant zwischen die Zeilen packen kann, sondern stocksteif herausbrüllt.
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Besprochene Ausgabe: btb | 2010 | 340 Seiten | Festeinband* | € 19,95
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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