23.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Andrea Camilleri - Mein Ein und Alles: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Andrea Camilleri - Mein Ein und Alles: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Mein Ein und Alles

(2014) - Orig.: Il tuttomio (2013), italienisch
Die Rache der Mädchen
Mit pasolinischer Wucht und Kompromisslosigkeit schleudert uns Andrea Camilleri sein verwegenes Ein und Alles entgegen, Porno und feministische Literatur zugleich, um zwei speziell Versehrte.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 11.07.2014
Andrea Camilleri - Mein Ein und Alles
Zoom Andrea Camilleri - Mein Ein und Alles

Der Altmeister macht's vor, wie man Geschichten erfindet, die rein gar nichts mit eitler Selbstbeschau, müßiger Ahnenschau oder dem Reiten des Zeitgeists zu tun haben. Camilleri ist ein Literat, der zuhört, den Geschichten, die ihm zugetragen werden - hier, für "Mein Ein und Alles" waren es viele über Frauen -, auch von Leuten, die im Gefängnis sitzen, wie er im Nachwort schreibt. Auch kein bisschen unaufmerksamer geworden ist der fast Neunzigjährige im Verfolgen der gesellschaftlichen und politischen Ereignisse in seiner Heimat Italien. Alles durchmischt er mit seiner Fantasie, und bündelt für uns Leser daraus ein Konzentrat, damit wir das Menschsein verstehen.

"Mein Ein und Alles" ist ein schmales Büchlein, und es erzählt eine verwegene Geschichte, die in ihrer Fülle und Dichte ebenso einen bibeldicken Band füllen könnte. Seine Hauptfigur außer Konkurrenz, die Anfang dreißigjährige 'Arianna', wird spektakulär eingeführt und wird sich ebenso spektakulär langsam entfalten, ihre Geheimnisse häppchenweise preisgeben. Andrea Camilleri lädt die Atmosphäre so schnell auf wie ein Bandgenerator ein Eisenstück und der Leser will die blitzhafte Entladung, doch er wird sich gedulden müssen, um dieser Arianna in die Karten schauen zu dürfen, die in kurzen Kursivabschnitten hin und wieder eine Rückschau hält. Mit knappen Funken auf ihr Werden fügt sich ein Psychogramm zusammen.

Es ist heiß im Buch, überall, in Innenräumen und draußen. Im abgetakelten Strandbad von Ex-Knacki 'Franco', erst recht in den Umkleidekabinen mit ihren löchrigen Rigipsplattentrennwänden. Selbst unter den Sonnenschirmen. Selbst im Meer, erst weit, weit draußen zieht eine kühlere Strömung, irgendwo an einer namenlosen Stelle Italiens. Ständig sammelt sich der Schweiß irgendwo, zwischen den Busen, zwischen den Schenkeln. Auf der Liege sicher auch, die Franco bereitgestellt hat, und die gerade so eben in die aufgeheizte Kabine passt, in der es der kaum erwachsene 'Mario' jetzt Arianna besorgen darf. Es ist ein Deal. Ariannas Ehemann - selber impotent - arrangiert die "Donnerstags-Treffen".

Ob diese Arrangements lange gutgehen, ist dabei tatsächlich gar nicht mal der Haupt-Spannungsstrang in "Mein Ein und Alles". Gewalt wird entstehen, bei diesen Männern, wie sie ja allein durch die Einwilligung schon oft genug entsteht, geschweige denn durch eine erkaufte; sie haben ihren Freibrief und das Freiwild Arianna. Doch die hat ihre eigene spezielle Geschichte weit vor dieser Ehe, und auch wenn es scheint, als nehme sie ihr Leben mit kindlichem, dankbarem Gleichmut, sollte Mann auf der Hut sein vor ihr ... Denn sie zahlt Missbrauch mit selbigem Gleichmut zurück.

Nicht zufällig erinnern Passagen an das Schaffen von Landsmann Pier Paolo Pasolini, die Stricher, die Hitze und die Hitzigkeit, die Figuren, die stets auf Messers Schneide zwischen Kontrolle und Ausrasten stehen, ihre Bäuerlichkeit, auch wenn sie in den Vorstädten leben. Arianna erlebt Jugend und Erwachsensein als Frau als die Hölle und flüchtet sich später immer wieder zurück in ihr "Ein und Alles", einen mit Symbolen gespickten Rückzugsort, an dem auch die Puppen sprechen ... Wenn Arianna sich an jenem geheimen Ort nackt im Staub und ihrer eigenen Pisse suhlt, reiben sich Erotik und Angst um diese Figur. Oder bei der Art wie sie Austern isst, oder besser gesagt sadistisch erlegt. Essen ist immer Sex bei Camilleri. Auch das bringt er noch unter, in diesem rasenden atemlosen Bändlein.

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Besprochene Ausgabe: Kindler  |  2014  |  160 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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