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Also ein gewaltbetonter Krimi ist "Letzte Losung" nicht - zumindest, was die Beschreibung des Sterbens an sich betrifft. Gestorben hingegen wird genug. Fast mag es scheinen, als hätten die Post-Wende-Monate 1990 im wenige 100-Seelen-Örtchen Tantow mehr Tote eingefordert, als der gesamte Zweite Weltkrieg, die Verkrüppelungen und Vergewaltigungen mal außen vor gelassen. Gleich zwei Männer geben sich ob ihres Machtverlustes Strick beziehungsweise Kugel, eine Frau zieht in Liebesloyalität gleich nach. Doch diese 21 Jahre zurückliegenden Tode, der des LPG-Chefs, der des Kommandierenden Generals des Militärbezirks Nord und der der NVA-Zivilangestellten des Generals haben zwar eine gemeinsame Tragik, doch müssen sie nicht alle zwingend miteinander verknüpft sein. Das ist einer der Tricks von Autor André Meier, der das Panoptikum seiner Region und ihrer Figuren breit zieht, auf dass der Leser besser eintauchen könne. Die Denkensart der Einwohner dieses Landstrichs versucht sich der gebürtige Ostberliner durch die jeweiligen Generationen anzueignen, und das lässt er noch zu Zeiten beginnen, als man sich unisono als Teerschweeler im Wald verdingte, zu den Zeiten der Herren von Ramin.
Aus Bochum hergezogene Anklamer Polizei-Kommissarin 'Schmidt' muss sich ebenso einfühlen in die Eigenheiten der Einheimischen, als sie sich in der Jetzt-Zeit gleich der dritten Leiche gegenübersieht, die mit Einschussloch im Kopf an einen alten Grenzpfahl zum Nachbarstaat Polen getackert ist. Nur eine dieser Leichen war Einheimischer, nämlich der Chef des Katasteramtes, die anderen waren mehr oder weniger Durchreisende, die Größeres in der Region vorzuhaben schienen ...
Herrlich beschreibt Meier das Polen-Bashing, eine urtief liegende Animosität, die unter den Tantowern sich angesichts der Grenz-Morde umso unverblümter Raum nimmt. Die Polen-Mafia wird's sein, ist der Tenor im Dorf, wie sowieso alle Probleme vom Nachbarn kommen, wie etwa das wilde Hunde-Rudel, das Jagdpächter, Agrargenossenschaftsführer und Großgrundbesitzer 'Erdmann' und seinen betuchten Jagdgästen immer wieder das Leben schwer macht.
Dann ist da das lange Gedächtnis des gestandenen, kreuzalten Pfarrers, der in seinem Leben kaum einmal die Pfarrei gewechselt hat; ihm weist Autor André Meier oft die Rolle des Erzählers und Hintergrund Erklärenden zu, als einem, der wohl die meisten Geheimnisse seiner Schäflein und auch ihrer Ahnen kennt. In der Regel redet dieser erst mit Zugezogenen, wenn sie es drei Jahre vor Ort ausgehalten haben. Die Umstände zwingen ihn, mit 'Kantor', einem versoffenen Ex-Journalisten, der in der einzigen bewohnbaren Kate einer nahen Wüstung lebt, schon früher Kontakt aufzunehmen. Denn die Geschichte von Kantors Großtante, die ihm die Kate vererbt hat, ist die unterschwelligste und gleichzeitig faszinierendste des Romans. Sie reicht über den Klassenkampf zum Judentum nach Russland und zurück ...
Ja, Meiers Figurenreigen ist ausufernd - könnte man meinen -, doch sitzt jede einzelne in einem festen Gerüst an Beziehungen, die über Generationen reichen, jenen selbst aber gar nicht mehr bewusst sind. Meier holt die uralten Verknüpfungen ans Tageslicht. Viel Zurückhaltung während der Tätigkeit des Schreibens muss er sich permanent auferlegt haben. Denn vor der ersten Zeile seines Romans muss er den Masterplan der Verschränkungen über Zeit und Raum und Verwandschaft seiner Mischpoke genauestens skizziert haben. Und nun darf er dem Leser nur nach und nach preisgeben, wer da mit wem und wie und warum. Das muss die Qual des Autors sein, im literarischen Roman, als auch im Genre-Buch Krimi. Weit mehr als ein Regionalkrimi ist "Letzte Losung" geworden, vielmehr ein kunstvoll gewobener, alter Teppich, auf dem sich exemplarische Schicksale abzeichnen sowie die Kniffe der Zeitgenossen, die sich die wechselnden Winde stets zum eigenen Vorteil zu Nutze machen.
Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2011 | 320 Seiten | Festeinband* | € 19,95
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