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- Amerikaner töten in Teheran

(2011)
Eine Zeremonie des Hundetötens
Der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan nennt sein Buch im Beititel "Ein Roman über den Hass in sechs Episoden". Ganz kann er den Anspruch Roman nicht erfüllen, dazu ist es zu sehr Geschichtslehrbuch geworden - wenn auch freilich ein gutes.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 07.10.2011
Amir Hassan Cheheltan - Amerikaner töten in Teheran
Zoom Amir Hassan Cheheltan - Amerikaner töten in Teheran

Geschichte wäre um ein Haar eigentlich eine genaue, einfache Wissenschaft. Nämlich dann, könnte man alle Fakten um ein Ereignis herum überschauen, hätte Zugriff auf jede Einzelentscheidung - so sie denn dokumentiert wäre -, und würden sich Geheimarchive nicht erst nach siebzig Jahren öffnen. Doch auch dann nützt es nichts. Denn in tausende Köpfe einer Volksmasse, jene, die nicht als Entscheider fungieren und dennoch die Geschichte mitentscheiden, kann keiner gucken. Da gehen in Episode Zwei von Amir Hassan Cheheltan 's Buch, aufgestachelt von einer anhaltenden Wirtschaftskrise, zweifelhaften US-amerikanischen Dollars und ebenso zweifelhaften inner-iranischen Interessengruppen "fliegende Händler, eine Gruppe von Basarhändlern, die Âyatollah Kâschâni folgte, unehrenhaft entlassene Offiziere, pensionierte Generäle, traditionelle Ringkämpfer, Abdecker, Prostituierte, Slumbewohner" sowie im Dienst stehende Polizisten und Soldaten auf die Straße, plündern, demolieren und stehen letztendlich mit zwei Panzern vor dem Haus des Ministerpräsidenten. Wir schreiben 1953.

Eindeutigkeiten gibt es wenige, während dieses berüchtigten Putsches gegen Premier Mohammad Mossadegh. Mythen hingegen viele. Fest steht: Allzu oft muss der Sturz Mossadegh's herhalten als Universalknüppel im Argumentieren um vertane Chancen für den Iran, um das böse Ausland abzukanzeln und um bloß keine Fragen über das oft genug irrationale Handeln der eigenen Regierungen aufkommen zu lassen. Das ist keine Meinung des Rezensenten, sondern dies ist sehr schön in Amir Hassan Cheheltan 's Roman-Lehrbuch-Hybrid "Amerikaner töten in Teheran" herausgearbeitet. Farbenfroh und deftig geht es allemal zu, wenn auch die fiktiven und realen Figuren in den lose zusammenhängenden sechs "Episoden" nicht recht greifbar werden. "Wenn Stalin kommt, besorgt er es euren Frauen", schreien die Demonstranten, die dem zunehmenden Einfluss der aus der Sowjetunion gesteuerten Tude-Partei geneigt sind, "Der Schah kommt zurück und befiehlt, dass eure Schwestern die Beine breitmachen", schallt es von der Gegenseite.

Pech hatten die Iraner freilich, dass das bis heute andauernde Desaster Nord-Korea zwei Jahre zuvor seinen Lauf genommen hatte. Die US-Regierung Eisenhower wollte sowas beim damaligen direkten SU-Nachbarn Iran verhindern. Staaten-Souveränität war im Kalten Krieg noch weit mehr leere Worthülse für die beiden Supermächte als heute. Schelmisch versucht Amir Hassan Cheheltan herauszufinden, warum immer US-Amerikaner im Iran getötet werden - beginnend mit einer historischen Begebenheit von 1924 -, wo doch die Briten die Öl-Knute schwingen und die Wirtschaftskrise in den 1950ern heraufbeschwören und die SU in ihrer Gier nach Einflussnahme dem Westen zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte nachstand. Nicht zimperlich geht Cheheltan dann mit seinen Landsleuten um. Während er ihnen zu allen Zeiten einen gewissen "Aberglauben" und die Hörigkeit gegenüber der Geistlichkeit unterstellt - immer wieder übernehmen Mullahs und Âyatollahs die Meinungsführerschaft in "Amerikaner töten in Teheran" - lässt er die Figur "Der Professor" ihrem US-amerikanischen Zuhörer erläutern, warum die Guerillakämpfer die Amerikaner für den Feind Nummer eins halten: "Wissen Sie, sie hadern in Wirklichkeit mit der iranischen Regierung. Im Laufe der Geschichte dieses Landes haben die Interessen des Volkes immer im Gegensatz zu denen seiner Regierung gestanden. Sie töten die Amerikaner, weil sie sie als Handlanger der iranischen Regierung ansehen."
Später ergänzt er: "Ja, alle in diesem Land wollen Westler werden, sogar diejenigen, die den Westen verabscheuen. Dieser Wunsch, ihn zu vernichten, ist aus abgrundtiefem Neid erwachsen. Sie wissen, dass grenzenloser Neid in Hass umschlägt."

Wie der umschlägt, erzählt Cheheltan gleich nach wenigen Seiten in Episode Eins. Der US-amerikanische Vizekonsul Major Robert Imbrie wird 1924 in zwei Etappen erschlagen. Zuerst auf der Straße von einem wütenden Mob, der dann auch noch ins Krankenhaus eindringt und ihm auf dem zur Operation fertig gemachten Tisch den Rest gibt. Die Dimension des Hasses macht Cheheltan gleich hier dem Leser fast körperlich spürbar. Doch ebenso lassen seine Überspitzungen und metapherngeladenen Argumentationen im Fortlauf oft schmunzeln: Auch Amir Hassan Cheheltan weiß, dass sein Roman zum Zwanzigsten Jahrhundert des Irans mit seinen oft ironischen Pointierungen eine Möglichkeit darstellt - denn Geschichte ist nie einfach.

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Besprochene Ausgabe: C. H. Beck  |  2011  |  192 Seiten  |  Festeinband*  |  € 18,95

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