Vor der Elbe sollte man immer Respekt haben. Auch im brütendheißen Sommer nach ihrem Abitur vergißt Heldin 'Marit' dieses Credo, einst gelehrt von ihrem ersten Schwimmlehrer, nie. Gleichmütig schaut der Fluss dem Treiben der Menschen an seinen Ufern zu, hier in einem Dorf an der Unterelbe. Marit dagegen kennt zwar die Gefahren des Flusses genau, muss aber im Laufe dieses Sommers feststellen, um wieviel schwieriger es ist, selbiges hinter den Masken der Mitmenschen zu erahnen. Ein Mord geschieht.
Der Einstieg in "Lügensommer" gelingt Alexandra Kui sehr atmosphärisch. Ihre Protagonisten sind um die achtzehn und auch hier auf dem Land, nicht weit entfernt von einer Kreisstadt, ist die Jugend in die üblichen Posses unterteilt, so etwa der "Koma-Klub" um den muskulösen aber tumben 'Hark Jannsen'. Körperstärke zählt noch - auf maskuliner Seite - und auch die jungen Frauen sind mit ihrer Körperlichkeit beschäftigt, freilich mit anders sozialisierter Waagschale. Man neckt, wetteifert und präsentiert sich im Sand des Elbstrands, bevor einen die verschiedenen Ausbildungswege wahrscheinlich in alle Winde verstreuen werden. Ein klassisches Thema - und ein schönes; ein wehmütiges für die älteren Leser, ein aktuelles für die, die gerade in dem Alter sind. In der US-amerikanischen Literatur ist es das klassische "Was passiert nach der Highschool?", in der deutschen ist es ein noch viel zu wenig zelebriertes Thema, diese wenigen Monate der absoluten Freiheit, eines nie wieder so extremen Hochgefühls, einer Unbesiegbarkeit.
Träume werden zerbrechen, auch in "Lügensommer". Und das monatelange Gefühl des Rausches nach dem Abi wird jäh abgehackt, als der Sproß einer zugezogenen Künstlerfamilie aus Hamburg, 'Zoé', verschwindet. Für Marit werden die sonst geliebten Ausflüge mit Freundinnen zwecks Lästereien und Shopping in der Fußgängerzone der Kreisstadt, wo die Wahrscheinlichkeit enorm ist, gehassten oder geliebten Mitschülern über den Weg zu laufen, alsbald zum Spießrutenlauf. Denn ihr Bruder wird jetzt von Dorfbewohnern und Polizei argwöhnisch beäugt. Er war mit Zoé zusammen und hatte zuletzt einen heftigen Streit mit ihr.
Doch auch für Alexandra Kui beginnen nun die Probleme. Denn bis schließlich Zoé als Leiche auftaucht, vergehen viele Buchseiten. Und bis dahin schildert sie zuwenig aus dem Innenleben anderer Dorfbewohner und beschränkt sich auf die Nabelschau Marits, einer paradoxerweise naiven Überfliegerin, die zusammen mit ihrem Freund zukünftiges BWL-Studium, Zusammenziehen, Kinderkriegen schon genau abgeplant hat. Ein bisschen kommt das Thema Sozialneid zur Sprache, denn Marit gehört der Unternehmerfamilie an, die mit ihrer florierenden Speiseeisfabrik einen Gutteil der Infra- und Sozialstruktur des Dorfes prägt. Doch die Verheißung der Eingangsseiten, aus diesem Elbedorf ein Twin Peaks, eine genüßliche Sezierung der Schattenseiten seiner Bewohner zu entwickeln, verläuft bis zur Hälfte des Buches im Elbsand und kommt leider insgesamt nicht in Fahrt. "Lügensommer" wirkt bis auf den Einstieg müde und unambitioniert, was freilich bei der geübten Autorin immer noch einen passablen Roman ergibt. Doch nach geschildertem Bruch kann sich das Buch über weite Strecken weder für Sozialstudie noch Kriminalroman geschweige denn der typischen Kombination entscheiden, sondern plätschert einfach seitenfüllend vor sich hin. Gelegentliche Satz-Treffer wie um die drei jährlichen Hauptereignisse des Dorfes "Kirschblüte, Stintsaison und Schützenfest" helfen da nicht weiter.
Extrem eindimensional entwickelt sich der Kriminalstrang der Geschichte. Dem aufmerksamen Leser ist leider gleichfalls schon nach den frühen Seiten klar, wer hier der wahre Bösewicht ist. Denn genau das will Kui allzu aufgesetzt verschleiern mit einer enorm einseitig skizzierten Figur.
Die vielversprechend eingeführte Figur der ermittelnden Kommissarin dünnt einfach genauso fulminant schnell aus wie sie aufgebaut wurde. Es ist eine der Stellen, an denen man merkt, wieviel Alexandra Kui von ihrem Können vergibt. Die Polizistin kommt als eine daher, der das Verhältnis Ordnungshüter und Rest der Welt am Arsch vorbeigeht, für die Job Job ist, und die einfach zur Sache kommt, wohltuend abweichend von Klischees aus TV oder Buch, und dabei dennoch ohne Hardboiled-Stereotypen. Man freut sich. Hört von der Frau allerdings nur noch ein paarmal was an Marits Mobiltelefon. Schwach auch die Figur von Marits Vater: Ansonsten nicht gerade obrigkeitshörig, verliert der völlig unglaubwürdig nach achtzehn Vaterjahren die Loyalität zu seinem Sohn - oder Ziehsohn, ein Nebenthema im Buch - nur weil die Polizei keinen anderen Verdächtigen hat.
Totes Luder Zoé - dieses Etikett ist nicht zuviel verraten - hätte Aufhänger für vieles sein können. Etwa für die Natur gegenseitiger Abhängigkeiten, ein anonymer Schreiber nennt es in seinen jeweils einleitenden Kapitelworten schlicht "Die Kontrolle".
Kontrolle. Darum geht es doch, oder? Wer die Kontrolle verliert, kann einpacken. Ich hasse dich, weil du mich in der Hand hast. Ich liebe dich aus dem gleichen Grund.
Alexandra Kui belässt es bei tollen Sätzen aus dem Off ohne die Ungeheuerlichkeiten in der Geschichte auszuarbeiten. Die emotionalen Beweggründe für Tun bleiben aus. Erzählerin Marit kriegt zwar im letzten Drittel des Buches allmählich den Arsch hoch, aber erhellen tut weder sie, noch ihre Federführerin aka Kui das Unmenschliche. Zudem hätte es der Dramaturgie gutgetan, mal Rückblicke auf das Treiben der toten Zoé zu werfen - entweder aus ihrer direkten Erzählperspektive oder aus Erzählungen ihrer Lover/Freunde.
Und so wird leider der selbstgefällige Satz von Marits Freund 'Jan' "Wir sind total uninteressant" und ihre Antwort "Und so soll es auch bleiben" zum Menetekel für "Lügensommer".
Besprochene Ausgabe: cbt | 2011 | 320 Seiten | Broschur* | € 9,99
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