Alexandra Kui -  Wiedergänger: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Wiedergänger

(2010)
Vergangenes gegenwärtig
sf magazin ergeht sich ungern in Superlativen, aber dieses Buch ist eine Sensation in Erzählkunst und tiefem Verständnis des Menschseins.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.02.2010

Die Sängerinnen-Stimme der Norddeutschen Alexandra Kui - sie ist auch Musikerin - ist sehr hell. Sie singt von Wehmut und Sehnsucht und Abstand und den anderen ewigen Themen der Leute von der Küste. Doch hat man "Wiedergänger" gelesen, muss man das Bild einer "seuten Deern", eines unbedarften, süßen Mädchens, ganz schnell beiseite wischen. Die Hauptfigur 'Liv Engel' ist mit nichts anderem als tough zu bezeichnen, denn das deutsche Wort burschikos ist ausgestorben, es war ja auch selten dämlich. Und die Figur scheint viel mit ihrer Autorin gemein zu haben; sie ist exakt im selben Alter, selbes Aussehen, macht Musik, norddeutsch. Dann hören die fixierbaren Gemeinsamkeiten auf: Liv Engel ist Ingenieurin und Sprengmeisterin und ihre Familienverhältnisse wünscht man niemandem an den Hals. Prinzipielle Fragen nach ihrem eigenen Charakter tun sich bei ihr auf, ausgelöst durch Ereignisse der Vorfahren, die in den Krieg zurückreichen. Freilich - schert es irgendjemand, was Verwandte vor 70 Jahren getan haben?, könnte man fragen, wirkt sich das wirklich noch auf uns aus oder konstruiert Kui da etwas um seiner selbst willen? Alexandra Kui zeigt, wie neben der Determinierung durch unsere Gene die Großeltern und Eltern durch ihre Erlebnisse und Taten geformt werden und ihre Traumata eben durch die Art wie sie uns erziehen weitergeben. Fast keine Chance, sich zu wehren... "Du kannst dich nicht dagegen wehren, irgendwann zu werden wie dein Vater" sagt Johnny Depp in einem Kusturica-Film.

Das Gewaltigste an "Wiedergänger" ist seine unaufdringliche Sprach- und Erzähl-Macht, der man sich nicht entzieht - man liest es freiwillig langsam, nicht weil die Sätze geschwurbelt sind, sondern um die ehrfurchtgebietende oder fröstelnde Wirkung länger zu genießen beziehungsweise weil man den Explosionen, die sie im Kopf auslösen, erstmal Zeit geben muss sich niederzuschlagen. Es ist nicht die exaltierte Art sogenannter Großschriftsteller, auch nicht dieses Lakonische, extrem Reduzierte, das der Zeitgeist fordern würde, auch kein aufgesetztes Sprach-Gehämmere; es ist cool, nordisch by nature, zeitweise archaisch und doch glasklar, trocken. Und dennoch können Sätze oder Absätze nicht nur Geschoss sondern ganze Kartätschen-Ladung sein.
Kuis neueingeführte Figuren können schon innerhalb einer Seite vertraut vor dem geistigen Auge stehen. Deren Emotionen verschränken sich in jedem Satz mit dem Leser.

Schon der Prolog ist der fulminanteste Roman-Einstieg, den man seit langem gelesen hat. Auf nur vier Seiten haut er einen nach hinten weg an die Wand. Da kommt einer heim, Fronturlaub, wir schreiben '42, zieht durch die Straßen Lübecks "auf der Suche nach einer Gelegenheit, einer Liebschaft, einem Glücksspiel - was auch immer", wir lernen, ach ja, Menschen können auch während eines Krieges in ganz normalen Kategorien leben und denken, doch kaum hat man das gedacht, geht ein Bombenhagel entlang der Trave los. Eine Abgründigkeit an dieser Person tut sich auf. Der Mann weidet sich am Feuersturm, er schreit, aber "aus Erregung", er ist glücklich.

Es war, als erblickte ich endlich mich selbst.

Doch dann erblickt er wenig später nur noch zwei Kinder, die er sehr wohl kennt, die ihn erschlagen. Den Prolog hat sein Geist erzählt.
Vor in die Gegenwart: Die Ende 30-jährige Liv Engel leitet seit zehn Jahren den Spreng-Betrieb, den Großvater 'Tönges' aufgebaut hat. Ihre Arbeit erfordert höchste Rationalität, viel Mathematik, Gewissenhaftigkeit. Zufall oder Halbseidenes sind Livs Dinge nicht, auch nicht im Privaten. Geselligkeit erlaubt sie sich höchstens mal im Kreis ihrer Angestellten. Doch ebenso gefällt es ihr ab und an mal im Rampenlicht zu stehen, als Frontfrau einer lokal bekannten Musikband. Das Publikum ist ja auf Abstand. Für die Mitglieder ihrer verkorksten Verwandschaft und ihren Exmann findet sie klare Worte. An einem Menschen kann sie sich liebevoll schleifen: an Großvater Tönges. Obwohl der die Liebe zur Enkelin eher barsch zeigt und das nordisch trockenste Unikum ist, dass man in der Literatur bis dato findet. Nett ist anders, und man spricht folgenreiche Dinge, die passierten, wenn überhaupt, im Nebensatz und nach zehn Jahren an. So wie beim Oster-Essen, auf dem der 78-jährige zum einen verkündet, dass er sich scheiden lässt und in einem Moment zu zweit mit Liv vor dem Restaurant eine Entschuldigung über die Lippen bringt:

- "Ich hätte dich damals nicht zur Heirat drängen sollen, als du schwanger warst", sagt er.
- "Geschenkt. Meine Ehe ist Geschichte. So wie deine demnächst. Kommst du wieder mit rein?"
- "Einer muss ja die Zeche zahlen."

Neben den Ereignissen in Lübeck gibt es einen zweiten Erzählstrang auf Island. Auch dort skizziert Kui eine seltsame Alte, bei der oft nicht zu unterscheiden ist, ob sie als mittlerweile Alleinstehende in ihrem windgepeitschten, alten Haus, gerade phantasiert von Elfen oder nachtragenden Geistern oder reale Personen trifft. Doch Lübeck und Island sind nicht so weit voneinander entfernt wie man denkt...

Die Alte und der Alte, Alexandra Kui schaut, wo es in deren Leben Bruchstellen gab und wie sich diese Risse durchs Leben fortgezogen haben. Und vor allem nicht bei ihnen stehengeblieben sind, sondern sich auf die Verwandten ausgedehnt haben. Sie stellt Fragen nach Schuld und Erlösung und Beschuldigung. Denn das mit dem ersten Stein werfen, das Bibelzitat, könnte auch Leitmotiv von der "Wiedergänger" sein. Was ist an einer Tat relativierbar, was ist nachvollziehbar, was bleibt böse? Gleich dreimal stellt sich dies und formal drückt es sich durch die sich abwechselnden Erzählstränge und einen Ortswechsel aus. Übrigens, Kui kann Island überzeugend schildern, weil sie ihre Platte im Studio von Sigur Rós aufnahm. Lange haderte sie mit diesem rauhen Land, bevor sie es durch den Zuspruch von Musikerkollegen lieb gewann. Einige ihrer Figuren hatten gar keine andere Wahl... einige steinalte und auch nicht Liv Engel, die sich in den Flieger nach dorthin setzen muss.

Besprochene Ausgabe: Hoffmann & Campe | 2010 | 320 Seiten | Festeinband* | € 18,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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