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 17.05.2012         Albrecht Selge - Wach: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Albrecht Selge - Wach: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Wach

(2011)
Anita Ekberg erleben
Der Roman-Erstling "Wach" setzt das reale Leben von Center Manager 'August' ins riesige Stadtteil-Einkaufszentrum. Das restliche Berlin erscheint dem während seiner rastlosen Streifzüge so totgebombt wie nach dem Weltkrieg.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.07.2011

Das Volk will unterhalten werden. Es ist nicht nur zum Arbeiten, Schlafen und Kinderkriegen auf der Welt. Das war immer so. Und der Berliner Autor Albrecht Selge schaut, wie sich die Ökonomie seines Hungers nach Aufregung, Erlebnis und seit einigen Jahren "Kreativität" annimmt. Seine Stadt - Berlin - lässt er durch Sprachrohr und Hauptfigur 'August Kreutzer' durchforsten, der schlaflos ihre Physiognomie in sich aufnimmt, bei Wanderungen durch abgewrackte Fußgängerzonen, U-Bahnhöfe und einst belebte Hauptstraßen. Für den Junior Center Manager eines riesigen Einkaufszentrums hat sich die reale Außenwelt entlebt und findet sich jetzt nachgebildet an seinem Arbeitsplatz wieder: Der maßstabsgetreue Trevi Brunnen wird demnächst am zentralen "Marktplatz" der Mall eröffnet. Von hier aus sind sieben Weltstädte erlebbar: Ihre jeweiligen Renommee-Straßen führen sternförmig von hier in die Tiefen des Einkaufsparadieses, etwa "Via Condotti", "Champs-Élysées" oder "La Rambla". Als die große Einweihungsparty in Anwesenheit des Bezirksbürgermeisters steigt, stürzt sich 'Peggy Fleck', Persönliche Assistentin des exzentrischen Center Managers 'Xerxes', à la Anita Ekberg in die Fluten und entblättert eine um die andere ihrer zarten Bekleidungsschichten, bis die Menschentraube vor Verzückung kreischt.

Das sind großartige Einlagen mit denen sich Autor Albrecht Selge in eine Reihe stellt mit anderen, beißenden Kollegen, die sich in der Belletristik der Konsumkritik annehmen. Doch diese Genialität lugt nur stellenweise durchs Papier; auf dem Großteil der Seiten gibt sich Selge freiwillig einem Dilemma hin: Eins zu eins versucht er, die Sinnentleertheit vom einstigen BWL-Studenten und schnell aufgestiegenen August Kreutzer darzustellen sowie die Beobachtungen auf seinen Streifzügen. Seine Sinneseindrücke bleiben unkommentiert und dringen bei Kreutzer nur unbewusst zur geistigen Verarbeitung vor. Der Leser kann leider bei einer Viertelstunde Stadtspaziergang mehr erleben, als beim stundenlangen, quälenden Lesen dieser Passagen. Hauptfigur Kreutzer bleibt eine Tabula Rasa ohne Hoffnung auf Entwicklung. Fantasie lebt er einzig im Zusammensein mit Crêpe-Verkäuferin 'Manja' und deren Kindern aus, wenn man sich gegenseitig im Spiel spontane Kurzgeschichten abfordert. Seine eigentliche Lebenspartnerin, ebenfalls BWLerin, weilt in London. Doch Albrecht Selge scheint es aufs Zwischenmenschliche in "Wach" nicht anzukommen - auch hier lässt er kein Spannungsfeld entstehen.

So ist eine Nebenfigur die interssanteste. Center Manager Xerxes, Boss von Kreutzer, prägt Slogans wie "Bequemheit erleben" und füllt seinen monatlichen Newsfolder mit Referenzen an die Antike, beginnend jeweils mit der Erörterung der vorrömischen Namen des jeweiligen Monats. Nie ohne im Schlusssatz darauf hinzuweisen, dass Elektroartikel niemals günstiger waren als heute. Seine wortgewandten melancholischen Alltags-Philosopheleien über die Menschenströme im Center durchwirkt er ständig mit einem "Denken Sie das!", an Kreutzer gewandt. Doch schnell wechselt auch er "den umständlichen Denker durch den regelnden Kaufmann", wie es einst Robert Musil seinem Dr. Arnheim in den Mund legte. Xerxes' Versuche einer Vergeistigung der Wirtschaft bleiben genauso hohl und schal wie bei eben jenem. Sein Können besteht dann doch eher im "Erlebnisse kreieren und Handelswelten emotionalisieren".

Mit dem Unwohlsein über schnelle Strukturveränderungen gerade in der deutschen Hauptstadt sind Albrecht Selge respektive August Kreutzer beileibe nicht alleine. Doch vergisst "Wach", dass die reale Welt nicht gestorben ist und die Konsumtempel wunderbar parallel existieren können neben einem gottseidank neuen Trend zur Dezentralisierung mit liebevollem Einzelhandel, Dienstleistung oder Kleinkultur. Dass diese Prozesse nicht ohne zwischenzeitliche Wunden ablaufen - Selge sieht etwa in der Namensgebung des von einer Türkin geführten "Tante Emine Ladens" wehmutsvoll das letzte Relikt einer untergegangen Kultur - ist richtig. Nur, Stadt definiert sich durch stete Veränderung, die freilich von Stadtteil zu Stadtteil höchst unterschiedliche Kerben mit ebensolcher Genesungsdauer schlagen kann. Einen naturgegebenen Anspruch auf den Status Quo oder andersrum auf vollständige Freizügigkeit an den jeweils besten Ort der Welt gab es weder vor der Erfindung des Wortes Konsum noch nachher.

Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2011 | 256 Seiten | Festeinband* | € 19,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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