Alawiyya Sobh - Marjams Geschichten: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Marjams Geschichten

(2010) - Orig.: Maryam al-Hakaya (2002), arabisch
Scheherazade reloaded
Alawiyya Sobh 's Brotjob ist Chefredakteurin eines arabischen Frauenmagazins, wenn sie sich nicht gerade auf Kongressen für Frauen-Themen, Modernität und Frieden einsetzt - oder in „Marjams Geschichten“ Lebewelten von drei Generationen Libanesen skizziert.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 26.04.2010

Just im März 2010 war die Libanesin Alawiyya Sobh einer der Stars beim Emirates Airline Festival Of Literature in Dubai. In dem liberalen und neuerdings kunst- und literaturbeflissenen Emirat war sie ein willkommener Gast. Selbst Herrscher Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum verfasst Lyrik, die auch schon ins Deutsche verlegt wurde. In anderen Teilen der arabischen Welt freilich erzeugte das 2002 im Original erschienene „Marjams Geschichten“ eher Missmut und sogar Verbot. Allzu sehr rüttelte es am Patriarchat. Da dient dann als Verbotsbegründung meistens schlicht die „explizite Sexdarstellung“. Punkt.

1986 wurde Alawiyya Sobh Herausgeberin der damals bekanntesten arabischen Frauenzeitschrift al-Hasna. 1990 gründet sie das Frauen- und Familienmagazin Snob und ist immer noch die Chefredakteurin. Mit ihren mittlerweile vier Romanen ist sie Chronistin weiblicher Alltagswelten verschiedener Frauen-Generationen, zurückreichend bis in die Fünfziger Jahre. Themen sind Familienstruktur und -bande, Gewalt, Patriarchat, Religiösität und Aberglaube. Der Libanon ist ein multikonfessioneller Staat. So kennen und lieben die Figuren in „Marjams Geschichten“ Leute unterschiedlichster Religion und wünschen sich oftmals, dass dieses Merkmal im Zusammenleben keine Rolle spielen würde, scheitern aber ebenso oft an der Realität. Sobh ist in der arabischen Welt vielgesehener Gast auf Veranstaltungen zu Frauen-Themen, Modernität und Friedens-Engagement.

Den Libanesischen Bürgerkrieg hat die 1955 geborene durchlebt. „Meine Bücher zeigen, wie der Krieg die Menschen verändert“, sagt sie in einem Interview mit Der Bund. In der einstigen Schweiz des Ostens wuchs sie in Beirut auf: „Als ich dort in den Sechzigerjahren zur Schule ging, wusste ich nicht einmal, wer Christ und wer Muslim war. Das war damals überhaupt kein Thema.“ Viele Figuren in „Marjams Geschichten“ tragen in den Sechzigern und Siebzigern selbstverständlich Minirock. Doch auch heute noch, trotz Staat im Staat der mächtigen Volksverführer Hisbollah, sieht die explizit antireligiöse Sobh Hoffnung und treibt sich gerne im Hamra-Viertel rum, wo Sunniten, Schiiten, Drusen und Christen eher wie Kosmopoliten agieren.

Ausgerechnet den Namen von christlicher Über-Mutter Maria (arab. Maryam) wählt Alawiyya Sobh als Namen für ihre Kunstfigur, die einer Scheherazade gleich, von mancherlei Geschichte zu berichten weiß. Der Islam dagegen wendet sich gegen übertriebene Marienverehrung. Das scheint salopp gesagt ehrlicher, sind doch beide Religionen in gleichem Maße patriarchal. Marjam ist ein Gefäß für die Geschichten ihrer Freunde und deren Familien, ein „Hort für deren Geheinmisse“. Das macht sie zu einem Schatz für die im Buch gar nicht auftauchende befreundete Autorin Alawiyya, die spurlos verschwunden ist. Marjam beklagt sich nun etwas, dass ihr Talent, aus Menschen zwanglos ihre Geheimnisse zu holen, nun zu nichts geführt hat. Sie wird nun im Buch zur eigentlichen Erzählerin, wenn sie von den langen Abenden berichtet, an denen sich die Freunde ihre eigenen Erlebnisse und die ihrer Familien erzählt hatten. Da geht es oft um nicht ausgelebte Sexualität bei den Älteren mit uns heute absurd erscheinenden Verdruckstheiten. Um an den Haaren vom Bruder und dem Vater die Treppe hochgeschleifte Mädchen, die sich erdreisteten, kein Kopftuch zu tragen. „Sie hatten mit Prügeln, die sie einstecken mussten, dafür bezahlt, dass meine Schwester Maha und ich Mitte der siebziger Jahre das Kopftuch schließlich ablegen konnten“, sagt Marjam, während sich das „fortschrittliche“ Europa heute noch mit falschem Toleranzgedanken überlegt, ob das Kopftuch nicht für alle Zeit kulturimmanent sei. Frau bedankt sich und bleibt weiterhin reduziert auf ein Sexuelles Objekt, dessen Haare nicht zu sehen sein dürfen.

Ein anderer Zweig sind die Kluften, die sich durch den Bürgerkrieg plötzlich quer durch Familien ziehen. So etwa 'Ibtissam', die radikal revolutionär wird, während sich ihr Bruder den Erzkonservativen anschließt. Vattern unterstützt fortan Tochter, Muttern Sohn. Freilich, in den Wust der Parteien dieser Mutter aller Bürgerkriege kann Alawiyya Sobh für den Leser nur flüchtige Eindrücke servieren. Für die einen ihrer Figuren ist Pierre Gemayel der Tyrann, für die nächsten ist es Arafat oder Israel...

Die hohe thematische Ambition Alawiyya Sobh 's kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Marjams Geschichten“ durch die Herangehensweise sehr zerfasert ist und gleichzeitig - obwohl das paradox klingen mag - allzu behäbig daherkommt. Das bedingen die vielen Geschichtlein, man würde gerne sagen, in der Geschichte, die es aber an sich nicht gibt. Der thematische Überbau gibt dem Roman nur minimalen Zusammenhalt, aber keinen schönen Erzählfluss oder insgesamt Kohärenz.

Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2010 | 580 Seiten | Festeinband* | € 34,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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