Die Frauen. Das fürchterlichste Thema, denkt man zurück an die Taliban-Herrschaft über große Teile Afghanistans und über pakistanische Grenzregionen beginnend Winter 95/96 bis 2001 und denkt man an die heutige Situation, nach dem Wiedererstarken, mit 164 kontrollierten von 364 Distrikten Sommer 2009, Tendenz steigend. Ahmed Rashid, pakistanischer, für internationale Medien agierender Journalist, erläutert eindringlich, wie diese eigentlich nicht nachzuvollziehende Menschenverachtung des Weiblichen zustande kommt. In den Madrassas (Koranschulen) in Pakistan wohnen und lernen die Kriegsflüchtlinge und -waisen aus dem Kampf gegen die sowjetischen Besatzer und aus dem daran anschließenden Bürgerkrieg der Mudschaheddin-Gruppen. Die Frau gibt es hier nicht. Es gibt für die meisten keine Mutter, keine Schwestern, keine sonstigen Angehörigen. Sie würden auch nur ablenken vom Dienst an Allah, sagen ihnen die Mullahs.
Sie hatten weder eine Vergangenheit noch Pläne für die Zukunft - nur die Gegenwart zählte. Sie waren Kriegswaisen im klassischen Sinn: entwurzelt, rast- und arbeitslos, arm und ohne jede Kenntnisse. Ihnen gefiel der Krieg, der möglicherweise die einzige Beschäftigung war, der sie sich anpassen konnten.
Der Geist dieser Taliban, "Koranschüler", ist willfährige Tabula Rasa für die Indokrination durch die Mullah-Riege der Taliban, kaum selber gebildet und ihrerseits Werkzeug der obersten Führung oder vom Ausland entsandt - die sogenannten Araber-Afghanen. Freilich hat die Stoßrichtung wenig mit Inhalten des Koran zu tun. Den rigiden Ausschluß der Frauen von Öffentlichem Leben und Bildung begründet die Führung mit der Entartung der Mudschaheddin-Warlords nach dem Fall der letzten legitimierten Regierung Afghanistans unter Mohammed Nadschibullah (dem die Taliban die Hoden abschneiden, lebend noch ein paar Mal an einen Jeep gebunden um den Regierungssitz schleifen und dann die abgeraspelte Leiche öffentlich zur Schau stellen). Die Mudschaheddin machten immer wieder auf sich aufmerksam durch Entführung von Jungen und Mädchen und deren Mißbrauch. Freilich machen die Taliban es danach in viel organisierterem Maßstab, wie etwa der Abstellung von 400 Konkubinen während des Völkermords an den ihnen verhassten Hasaras. Ziel scheint vielmehr die Ausrottung aller Nicht-Paschtunen. Das Ziel des Globalen Dschihad gewinnt eher durch den Einfluss von Ausländern wie Osama Bin Laden Eingang ins „Programm“. Schon vorher, gegen Ende der Mudschaheddin-Kriege, hatten 100.000 radikale Muslime aller Herren Länder direkten Kontakt mit Afghanistan und Pakistan.
Tatsächlich sorgt die Machtübernahme für tödliche Ruhe. Denn um die Infrastruktur im Lande kümmern sich die Taliban nur, wenn es ihrer Armee-Logistik dient. Etwas auch nur annähernd Ähnliches wie ein Wirtschaftsministerium sucht man vergebens. Am Vorabend von 9/11, dem zweiten, diesmal verheerenden Anschlag auf das WTC 2001, zählt das Welternährungsprogramm 5,5 Millionen versorgungsbedürftige afghanische Menschen.
Einen weiten Teil des Buches widmet der unglaublich weit- und vielgereiste Kenner Ahmed Rashid den Zusammenhängen in der Gesamt-Region Zentralasien, hier hervorgehoben die Anrainer Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan, Iran und Turkmenistan (Usbekistan bei 12 Uhr, dann weitergelistet im Uhrzeigersinn), sowie die zentrale Bedeutung einiger Kreise Saudi-Arabiens, sowie die Rolle der Afghanistan-Veteranen, die bis in den Maghreb hinein Islamisten-Organisationen aufbauen. Im neuen, vierten Teil seines Buches, deren erste drei im Jahr 2000 erstmals erschienene Teile er unverändert gelassen hat, listet er gar die deutsche Sauerland-Gruppe auf. Doch frappierender ist, dass Rashid schon über den Sommer 2009 ganz klar schreibt „Kunduz wurde zu einem Schlachtfeld. Am Wahltag [Präsidentschaftswahlen] landeten 57 Raketen in der Stadt, und die deutschen Soldaten gerieten ständig in Hinterhalte. Die Amerikaner beschönigten nichts“, während die deutsche Politik erst zehn Monate später mal eingesteht, was das da eigentlich bedeutet, wenngleich erstmal euphemistisch mit dem Nonsens-Begriff „Kriegsähnliche Zustände“. Ahmed Rashid ist auch der Meinung, die Eröffnung der neuen Fronten im Norden und Westen wären nicht passiert, wenn die deutschen und andere europäische Truppen ein Mandat zum Angriff auf die Taliban gehabt hätten. Die Taliban haben sich leider nicht totgelacht über die Nato-Politik, sondern zugeschlagen.
Ein Kapitel widmet sich dem Wirtschaftszweig Opiate. Hier räumt Rashid mit dem Klischee auf, die böse westliche Welt verkonsumiere alles hier Angebaute. 58 % werden in der Region gebraucht, so um ca. 3 Millionen iranische Konsumenten und ca. 5 Millionen pakistanische zu versorgen.
Zu ausufernd betrachtet er geplante Pipeline-Projekte und die jeweils agierenden, investitionsbereiten Länder. Hier bleibt er meist im Konjunktiv stecken, sein Was-Wäre-Gewesen-Wenn ist müßig, wurde doch durch den ökonomischen Fatalismus und die Starrköpfigkeit der Taliban kein einziges Projekt verwirklicht. Immerhin geht er das Thema Öl und Gas neutral an, sieht es eher als von den Taliban vertane Chance, dem Land eine ökonomische Perspektive zu bieten, ohne gleich auf Neo-Kolonialismus und das übliche, sich medial gut verkaufende "Öl ist böse" abzustellen.
Die Auffrischung unserer jüngsten Erinnerungen um den Werdegang des Saudi-Arabers Osama Bin Laden liest sich schmerzlicherweise immer noch wie ein Krimi. Hier vergießt Rashid Schelte auf die USA, denen er vorwirft, nach 2003 und dem Einmarsch in den Irak, den Schauplatz Afghanistan komplett vergessen zu haben, um sich nur der Jagd auf Al-Quaida zu widmen. Hier überschätzt er vielleicht die Kraft selbst der potenten USA und auch den enormen emotionalen Faktor, den jeder ermessen kann, der 9/11 nicht erlebt hat, wenn er sich den eineinhalbstündigen berühmten Dokumentarfilm über die Apokalypse anschaut, der fast ohne Worte, nur mit den Bildern und dem O-Ton auskommt.
Die heutigen pakistanischen Taliban bezeichnet Ahmed Rashid als noch skrupelloser als die afghanischen - wenn das auch etwas paradox klingt, denn Pakistan war ja das Haupt-Rückzugsgebiet nach den US-amerikanischen Angriffen Winter 2001. Wie auch immer, Rashid wusste zu Drucklegung seiner Neuausgabe noch nichts von der Flutkatastrophe der vergangenen Tage, die den Radikalen in Pakistan in die Hände spielt. Das Beängstigende dabei: Trotzdem spürt man seine Angst, wenn er im Schlusskapitel mehr über die Probleme in Pakistan schreibt, als über die in Afghanistan. Willkommen im Globalen Dschihad, der nicht mal seinen Scheitelpunkt erreicht zu haben scheint.
Besprochene Ausgabe: C. H. Beck | 2010 | 480 Seiten | Broschur* | € 14,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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