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 17.05.2012         Adolf Muschg - Sax: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Adolf Muschg - Sax: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Sax

(2010)
Verloren in der Zeit
Im Schweiz- und Weltspektakel "Sax" trauert Adolf Muschg Verpasstem nach, durch alle Zeiten, bei den Lebenden und den Toten.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 29.01.2011

Eine einstige Achtundsechzigerin steigt in die Führungsriege einer rechtskonservativen "Vaterländischen Partei" auf, ein anderer vormals glühender Weltverbesserer wird Investment-Banker in New York, seine beiden Freunde aus Zeiten des 1970 gegründeten Anwaltskollektiv Achermann, Asser & Schinz scheitern opulent im Leben, die auf ewig geschworene Freundschaft länst im Eimer. Die vielen Stränge von "Sax" laufen bis ins Jahr 2013, wenn sich beim Event "Ökolypse" Zeit und Raum schließlich auflösen sollen. Ach ja, der Johann Philipp Freiherr von Hohensax, seit 1596 tot, spukt durchs Buch. Der hatte das Sich-vor-und-zurück-bewegen in der Vierdimensionalität längst geschafft, auch ohne virtuelle Hilfsmaschinerie. Die historische Figur besaß eine Zeitlang die Manessische Liederhandschrift, eine berühmte Minnehandschrift des Mittelalters. Sie zu öffnen, bedeutete, in sie hineingezogen zu werden ... Fakt ist, dass die Zeit seinem Körper nichts anhaben konnte: Man hatte eine Mumie vor sich, als man seinen Sarg schließlich öffnete.

Die Analyse von Anspruch und Nachwirkung von Achtundsechzig ist ein Lebensthema von Adolf Muschg. Dass das für ihn persönlich als auch für seine Buch-Figuren zumeist Desillusionierung bedeutet, deutet er mit dem 1974 erschienenen und als Krimi etikettierten "Albissers Grund" schon an. Figur Albisser ist so ziemlich mit allem gescheitert, was sie angefasst hat. Zeitlich rollt Muschg die Motive Albissers zu einem anfangs völlig motivlos erscheinenden Mord von der Gegenwart hin zur Vergangenheit auf. In "Sax" würfelt Muschg Zeitebenen munter durcheinander - längst ein Markenzeichen des Autors.

Im Muschg eigenen atemlosen Schreibfluss entwickelt sich neben den Lebensgeschichten der drei Anwälte und ihrer Gefährtinnen ein Gespinst von Anekdoten und Nebensträngen, die so ziemlich alles zwischen Gott und der Welt behandeln. Da diskutiert ein Unternehmer, der durch Inkontinenz-Windeln reich geworden ist, auf einer Kanzleiparty, ob man nicht die Schweiz verklagen könne, wegen dem Passus "Im Namen Gottes des Allmächtigen!" in der Verfassung. Geschwängert und vergewaltigt wird allenthalben, ob mit auferstandenen Toten oder der gerade sterbenden eigenen Mutter. Ein ebenfalls historisch verbürgter Astronom kann seine Sternwarte im obersten Stock des Hauses "zum Eisernen Zeit" nie vollenden. Das Haus soll auch der Freiherr einst besessen haben, konnte jedoch erst als Geist einziehen. Die drei toleranten Anwälte mieten sich ein und tolerieren die Einmischungen des Geistes. Anwalt 'Hubert' ist es schließlich, der sich in die Sternwarte, die nie eine wart, einmietet und sich in dem Raum, der größer ist, als er es theoretisch gemäß seiner Grundfläche sein kann, mit einer wohlbekannten Frau aus der Vergangenheit vereint. Seine Kollegen, die einstigen Salon-Revoluzzer, wenden sich wieder ab vom längst erworbenen Reichtum oder suchen Erlösung in Dekadenz und Ausschweifung.

Spaß machen die Kapriolen und Geschichtlein immer wieder, Muschg kann seinen Erzählfluss kaum bändigen; so hat er gar keine Zeit, Anführungszeichen für die Wörtliche Rede zu setzen. Diese Aufhebung von direkter Erzählzeit und nacherzählter Zeit mag zu Anfang gewöhnungsbedürftig sein. Sie ist ein weiteres Markenzeichen von Adolf Muschg, mit der er, so könnte man vermuten, sich selber in einen kontrollierten Rausch hineinschreibt, und im Endprodukt den Leser mit diesem Sog hinfortreisst. Der Sog verlangt teils aber auch höchste Aufmerksamkeit ab, denn die Information fliegt allenthalben um die Ohren. Vergangenes, längst Vergangenes und Gegenwärtiges kann sich auf nur einer Seite gleich öfter abwechseln.

Die Geisterwelt ist ihm ein Aufhänger, um zu schauen, ob sich in unserem Streben, im Leben irgendetwas Bleibendes zu erreichen, verglichen mit früheren Zeiten etwas geändert hat. Oder im Streben, zeit unseres Lebens der Welt durch unser Tun gar ein Stück weit ein besseres, gerechteres, schöneres Antlitz zu verpassen. Die Figuren versuchen sich zurechtzufinden auf breiten und doch verschlungenen Pfaden zwischen Selbstverwirklichung und Egozentrik und der Wohltat für die Welt. Muschgs Unwohlsein am Kapitalismus ist dabei beileibe nicht originell und kein Alleinstellungsmerkmal. Doch die Wucht seiner Misanthropie ist es, das machtvolle Eingeständnis, dass die ganze Abstrampelei im Leben zutiefst fragwürdig bleibt. Und dass sich die komplette Historie über die bisherige Lebensspanne des Autors hinweg im Kreis zu drehen scheint. Ein sehr persönliches Buch des Adolf Muschg.

Besprochene Ausgabe: C. H. Beck | 2010 | 459 Seiten | Festeinband* | € 22,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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