Adam Roberts - Sternennebel: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Sternennebel

(2006) - Orig.: Salt (2000), engl.
Freiheit im Ego - Freiheit vom Ego
Einer Parabel gleich, packt Adam Roberts den ewigen Kampf der Systeme, den des straff ständisch-hierarchischen gegen das anarchisch-egalitäre, in ein klassisches Thema der Science-Fiction: die Kolonisierung eines fernen, von der Heimat fast unerreichbaren Planeten.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 23.07.2009

Es gibt da diesen holländischen Schriftsteller, mit Pseudonym Multatuli, der im 19. Jahrhundert einen der lesenswertesten Romane überhaupt schrieb. Multatuli, zeitweise selbst Kolonial-Beamter, prangerte in diesem Buch die Zustände in der Kolonie Java an. Ganz hinterlistig treibt er dem Leser, damals wie heute, die Erkenntnis der Verdorbenheit des „normalen“, heimatlichen kaufmännischen Handelns wie eine Lanze zwischen die Rippen. Sein eleganter Trick: In einer Art sich kapitelweise abwechselnder Zweiteilung des Buches schildert er das Leben eines ehrenwerten, angesehenen Kaufmanns in Holland und die Zustände auf Java. Der Kaufmann: Er weiß gar nichts von seiner Boshaftigkeit; er sieht das Gute, das Geachtete in seiner Arbeit, einer Arbeit zum Gefallen Gottes; er mehrt seinen Wohlstand im Glauben, zu allen gerecht und tolerant zu sein, zu seinen Arbeitern, zu seinen Freunden, zu seiner Familie - gottgefällig, mit einem Wort. Die anderen Kapitel: Der Javaner wird mißhandelt, gefoltert, bei Ungehorsam werden ganze Dörfer niedergebrannt. Durch die lange Verkettung von Ursache und Wirkung sind sich Verursacher und Leidtragender vollkommen fremd.

Sehr stark arbeitet Adam Roberts ähnlich, in zwei Punkten: Er schildert auf zwei Schienen die Sichtweisen des Führers einer streng hierarchisch gegliederten Kolonistengruppe und die eines Mannes einer anarchistischen Gruppe. Und er arbeitet mit dem Motiv des Sich-Nicht-Bewusstmachen von der Erzeugung von Leid innerhalb eines Kokons von Rechtschaffenheit.

Eine der Stärken Roberts ' ist seine poetische, manchmal fast altertümlich anmutende Sprache, die einen wohligen Kontrapunkt zur doch eigentlich futuristischen Handlung setzt. Ein bisschen Steam Punk schwingt da immer mit. Aber sie unterstreicht auch die Zeitlosigkeit der Aussagen.

Soll ich Ihnen von der Intimität des Lebens im Jahr der Beschleunigung erzählen? Von der beständigen Gegenwart anderer Menschen, von einem unerträglichen Mangel an Privatheit, [so]dass sie zu einer fernen, blassen Erinnerung wurde?

Nach langer Reise durch das dem Menschen durch pure Entfernung und Physik völlig lebensfeindlich gesinnten Alls - die Unbilden unsentimental und bisweilen in ihrer Ekeligkeit geschildert - bildet sich auf der neuen Welt ein „nördliches“ und ein „südliches“ Siedlungssgebiet. Die 'Alsisten' verzichten seit jeher völlig auf politische Strukturen und setzen auf das Primat des Individuums sowie auf eine Art Selbstregelungsmechanismus; baut jemand zuviel Quatsch oder arbeitet zu wenig, werden die anderen schon irgendwann genug genervt sein, um ihn abzustrafen. Die 'Senaarer' haben eine reiche, aristokratische Führungsschicht, die vor Sendungsbewusstsein und Selbstgefälligkeit nur so strotzt. Reflexion über ihre moralische Überlegenheit und über ihre „natürliche“ Autorität, die sie über andere, kleinere Siedlergruppen ausstrahlen, ist ihnen unbekannt. Da prallen während einer Diplomatischen Mission seitens Senaar schon allein die Vokabeln aufeinander, obwohl man dieselbe Sprache spricht. Da soll nun ein Mann der Alsisten als Ansprechpartner dienen, weil irgendjemand es tun muss, die Funktion Diplomat ist ja unbekannt, ebenso wie die verhasste Hierarchie; er versteht nicht einmal, was die Senaaer Diplomatin mit „mein Volk“ meint. Sie benutze an Stellen Possessivpronomen, die absolut widersinnig wären, meint er. Er könne für niemanden anders als sich selbst sprechen. „Es hat nichts mit mir zu tun“ ist denn auch der Running Gag, der Mann der Alsisten sagt es immer, wenn er auf Begebenheiten angesprochen wird, die sich auf seine ganze Gruppe beziehen oder andere Personen. Versuchen Sie den vermeintlichen Repräsentanten einer Gruppe anzusprechen, deren Einzelne sich nur als Individuen verpflichtet fühlen und den Gruppengedanken ablehnen! Die Diplomatin wird irgendwann weißglühend und das liest sich herrlich und augenzwinkernd. So eine Alsistin über sie:

- „Ich glaube, sie ist eine Funktionärin in der Hierarchie, die sie dort unten praktizieren. Alle sind auf irgendeiner Ebene frustiert, alle werden vom Gesetz oder von der Person über sich in der Hierarchie daran gehindert, dies oder das zu tun.“
- „Was ist mit der Person ganz oben in der Hierarchie?“
- „Die ist auch schräg drauf, glaube ich.“

Keine dieser beiden archetypischen Fraktionen wird im Fortlauf wirklich gut wegkommen bei Adam Roberts. Er baut Widersprüchlichkeiten sublim, aber bewusst ein. Die Leichtigkeit des Lebens der Alsisten würde nicht funktionieren und ihre Gesellschaft wäre nicht leistungsfähig. So ist es verpönt, lebenslang die selbe Arbeit zu verrichten. Das hieße auch, Spezialistentum wäre verpönt und damit würde jede technologische Leistungsfähigkeit erstickt.
Natürlich kommt es zum Krieg. Hier wird jetzt der Mann, der vorher schon den „Diplomaten“ spielen musste, zum Führer einer Guerilla-Einheit. So wird seine Figur schwanken zwischen Verehrung und Verunglimpfung durch die Leute, die in dieser Selbstdisponierung, dieser Führerschaft, Frevel sehen.

Selbst die Salzwüste, die sich zwischen den Ländereien der beiden Streithähne befindet, ist Metapher. Sie saugt das Blut, der sich über sie hinwegschleppenden Verwundeten auf, und bleibt dabei ein totes Stück Land, in dem allein wegen Weltanschauungen gekämpft wird.
Adam Roberts kommt nicht thriller-artig daher, aber die Erzählweise ist kunstvoll, mit ihren oftmals aus zwei Perspektiven gezeichneten Begebenheiten. Roberts schafft es, die Wiederholung nicht als Wiederholung erscheinen zu lassen, sondern als Erhellung. Da sind natürlich die - faszinierend zu beobachtenden - verschiedenen Schwerpunkte der zwei Erzähler und der Trick leichter Versätze in der Chronologie im jeweiligen Erzählstrang.
Und die Tricks des Multatuli kommen immer wieder zum Zuge. Da reden zwei Potentaten der Senaarer in völliger Selbstverständlichkeit von der künstlichen Schaffung einer Unterschicht, da sie auf dem neuen Planeten ein „Beschäftigungsproblem auf unterer Ebene“ haben. Alles zum Wohle der Ökonomie - ohne schlechtes Gewissen. Wir empören uns beim Lesen und sind innerhalb unserer eigenen, realen Lebewelt meist in Watte gepackt.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2006 | 416 Seiten | Broschur* | € 8,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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