Rau, aber gleichzeitig von greller Farbigkeit ist das Leben in Empire City. Menschen, Maschinen und absonderliche Mutanten drängen durch die Straßen, zwingen sich in die Jazz-Clubs oder vertrauen sich mehr oder minder sicheren, schwebenden Fortbewegungsmitteln an, um durch die Häuserschluchten zu flitzen. Bunte, giftige Abgasfontänen, Wohnsilos mit beengten Appartements, glänzende Wolkenkratzer und vermüllte Straßenzüge wechseln sich ab.
Mack Megaton, Taxifahrer, versucht gerade, seinen Bürgerstatus zu erlangen, denn: Er ist Roboter, eigentlich für den Kampfeinsatz erbaut und mit mysteriöser Herkunft. Die Stadtverwaltung schickt ihn regelmäßig zu seiner „Seelenklemptnerin“, die seine gesellschaftliche Eingliederung unter dem Sonderfaktor seiner Künstlichen Intelligenz überwacht. Mack besteht aus einer äußerst widerstandsfähigen Legierung, sein „Gesicht“ ist eine Metallplatte und alsbald entwickelt er eine Vorliebe für schicke Anzüge und den Boulder-Hut: Sprachlich und formal ist schnell klar, dass uns A. Lee Martinez mit „Der Automatische Detektiv“ in einen wilden Mix aus Zukunfts-Trash und 40er-Jahre-Retro schickt.
Charmant einfach ist der Ausgangspunkt des Plots: Macks Nachbarsfamilie verschwindet. Julie, die Nachbarin, bindet ihm liebevoll jeden Morgen die Fliege, die zu seiner Taxifahrer-Uniform gehört, weil seine Motorik dazu nicht fein genug funktioniert. Der Leser ergeht sich rasch in das Mitleiden mit einer Maschine, die manchmal etwas unbeholfen wirkt, obgleich sie physisch äußerst durchsetzungskräftig sein kann. Ein Sich-Einfühlen in die Empfindungswelt eines - vom Menschen geschaffenen - Wesens, das sich abmüht, seine Identität, seine Stellung im ihm verwirrend erscheinenden Geflecht sozialer Interaktion zu finden. „Hast Du Freunde gefunden?“ fragt seine Psychaterin regelmäßig.
Noch muss Mack an und wann Dampf ablassen und ein Angestellter einer Recycling-Firma lässt ihn dann mit nackter Faust alte Roboter zerschlagen für ein paar Stunden. Den Running-Gag „Nein, ich bin kein Detektiv!“ kann Mack nicht lange aufrechterhalten, nachdem er sich auf die Jagd nach den Entführern macht und immer tiefer in einen Sumpf aus Ganoventum und den Schaltstellen der Macht in Empire City eintaucht...
Mack ist 2,13 Meter, schlank, und seine intelligente Legierung regeneriert schon mal eben Plasmastrahlen-Kratzer oder schnöde händische Begegnungen mit der Kraft der Servos schlechtgesinnter Roboterkollegen. Mit einem Wort: Er ist ziemlich attraktiv für die weibliche Welt in Empire. Gurr, gurr, man hat die mit ihm flirtenden Angestellten, Rezeptionistinnen, Nachbarinnen, denen er ungelenk als angehender Detektiv Geheimnisse entlockt, schier vor Augen beim Hören. Das liegt zum einen an A. Lee Martinez, der hier gekonnt in den Topf der glitschigen Atmosphäre der Schwarzen-Serie-Krimis greift. Da hat man die 40er, 50er-Jahre-Frisuren vor Augen, die Kleider und die spitzen BHs. Und Sprecher Oliver Rohrbeck nun wiederum kann in diesen Steilvorlagen baden und sie stimmlich genüßlich umwandeln, nachdem er schon Mack ein unverwechselbares Timbre gegeben hat. Dass es viel Wörtliche Rede gibt im Buch, ist ein Glücksfall.
Im klassischen Muster der Noir-Zeit trifft Mack recht schnell auf den blonden Vamp, die undurchschaubare Vertreterin einer Spiegelkabinettwelt, die mal seriösen Reichtum ausstrahlt, mal etwas Obszönes und Billiges, mal Klasse und edlen Stand, dann wieder etwas Garstiges, zutiefst Menschenverachtendes. Letzteres würde Mack nur sekundär treffen. Doch wo sind in Empire schon noch groß Unterschiede zwischen Mensch, Mutant und Maschine! Mack hatte schon gehört von den 'Technophilen', und ist so auch nicht allzu überrascht über die allererste, sehr körperbetonte Begegnung mit 'Lucia Napier'. Da schwingt die Erotik - und in diesem Fall die des Noir-Thrillers - als das Verderben ab der zweiten CD mit.
Da sind die Hard-Boiled-Anteile, wenn Mack Blut leckt: „Es war etwas Anziehendes daran, Knochen zu brechen und Fragen zu stellen, und alles mit Abschaum und intellektuellen Damen aufzulockern.“ und die schüchterne Romantik einer Maschine, die immer weiß, wieviel Uhr es ist:
“Lucia stand neben mir an der Balkonbrüstung. Wir genossen für 70 Sekunden die Aussicht.“
Gerade eine gewisse Langsamkeit im Duktus Oliver Rohrbecks, etwa bei den Kämpfebeschreibungen und in der Wörtlichen Rede, erzeugt paradoxerweise eine stetige Spannung. Das paart sich mit der Abgehangenheit der Noir-Atmosphäre.
„Eine Krankenschwester betrat den Raum. Sie war blauhäutig. Üppig. Mit Brüsten, die Gefahr liefen, aus ihrer tief ausgeschnittenen Uniform zu quellen, an deren Vorschriftsmäßigkeit ich meine Zweifel hatte. Ihre Stimme war sanft wie gezacktes Glas.“
Typisch auch, die Beziehung Macks zum Cop 'Sanchez', der als „rattenhaft“ beschrieben ist, und der mal im Wissen, mal im Unwissen gelassen werden muss. Eine trotzdem loyale Männerkiste. Auf der letzten, sechsten CD rasen die Ereignisse; Demolatoren, Levitatoren, Zerstörer und Supermutanten zerspritzen oder zerschreddern an die Wände, aber die beiden verhindern ein Massaker unter den Bürgern.
Und die Love-Story? Mack erkennt, dass man Menschen auch mit Gefühlen verletzen kann. „Du lässt nie jemanden vergessen, dass Du ein Roboter bist.“ muss er sich zuerst einmal gefallen lassen. Mehr kann nicht verraten werden.
Sonst so?
„Sehen Sie, wir hatten ein paar kleinere Probleme hier in dieser Straße. Strahlenpistolen, Geschrei, Faustschläge, das volle Programm.“
Besprochene Ausgabe: Lübbe Audio | 2009 | Hörbuch 6 CDs | 19,95
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