Eigentlich sehen die beiden Dänen Anders Rønnow Klarlund und Jacob Weinreich jung und dynamisch aus, auf dem Klappenfoto von "Die Auserwählten". Doch unter ihrem Pseudonym A. J. Kazinski stellen sich A und J einen "grießgrämigen, alten New Yorker Juden" vor, "der sich als verkanntes Genie versteht und die ganze Welt hasst". Wie kommt die Diskrepanz? Klarlund, Filmregisseur, und Weinreich, Drehbuch- und Romanautor wollten sich bei der Selbstkritik während ihrer ersten gemeinsamen Roman-Arbeit nicht gegenseitig kränken. So kam der imaginäre Herr Kazinski ins Spiel, den man um seine Meinung bitten konnte, und der eventuell schon mal mit einem "Also, Herr Kazinski findet diesen Text wirklich grauenhaft!" reagieren konnte.
Dank Kazinski ist das Endprodukt richtig gut geworden. Der Däne an sich, wenn er Krimi-Autor ist, muss es sich ja gefallen lassen, mit seinen Produkten, so man sie noch nicht gelesen hat, dem Genre Skandinavienkrimi zugeordnet zu werden. Was hieße, unglaublich viele Morde in unglaublich kurzer Zeit in siedlungsarmer Gegend. Dass noch Skandinavier übrig sind, kann man von nun ab dem Kazinski-Duo zugute schreiben. Denn die beiden schickten sich an, ein 600-Seiten-Opus zu schaffen, das eher ihren US-amerikanischen Kollegen das Fürchten lehren dürfte. Es ist eher das Genre Kultmorde und Mystizismus; der bekannteste Vertreter hierfür dürfte Kollege Dan Brown sein. Ihre dänischen Landsleute lassen sie in ihrem Buch ziemlich in Ruhe, ihre "Auserwählten" lassen sie rund um den Globus sterben - und das gleich mathematisch sehr genau verortet ...
Das schöne an "Die Auserwählten" ist, dass der alte Herr Kazinski neben den gelungenen Merkmalen des Genres, eine sehr genaue Vorstellung von seinen Figuren hatte. Denn er hatte erkannt, dass sich mystische Thematik und Lebensechtheit der Personen, die sich damit auseinandersetzen müssen - in diesem Fall ein dänischer und ein italienischer Polizist und eine Astrophysikerin - nicht ausschließen müssen. Denn lange bevor es in den Fall um die Auserwählten wirklich hineingeht - sie tauchen als die Gerechten im Talmud auf, soviel sei verraten - sind wir einfach nur in die Lebewelt von Polizeipsychologe 'Niels' und Streifenpolizist 'Tommaso di Barbara' hineingeworfen. Beide kommen eher als Anti-Polizisten daher; in dem Sinne, dass sie beide immer wieder Schwierigkeiten mit ihren Arbeitgebern haben, bis hin zu Suspendierungen. Sie hinterfragen Vorgehensweisen weil sie beide viel zu mitfühlend sind. Bei Niels kommen Flugangst und sonstige kleinere Phobichen hinzu. In der ersten Hälfte des Buches arbeiten Klarlund/Weinreich sehr viel mit Details und einer kargen Getragenheit im Duktus. Bei der Beschreibung des "Carlsberg Silos" kann man die Wohnung greifen, die Niels mit Freundin bewohnt. Der prasselnde Regen auf dem Eisendach des venezianischen Bahnhofs Santa Lucia über dem Kopf des streifelaufenden di Barbara verschränkt sich mit dem, der auf das Dach des Streifenwagens knallt, in dem Niels gerade in Kopenhagen unterwegs ist. Diese beiden Männer-Figuren sind die eindringlichsten und es liegt in beider Tragik, dass sie sich das ganze Buch über nur über Dritte unterhalten können, da Niels Dänisch und Englisch, Tommaso di Barbara Italienisch und Französisch beherrscht.
Die Geschichtlein in der Geschichte sind grandios, wie etwa um den Besuch Barack Obamas auf dem Klimagipfel oder um den Einsatz Niels bei einem ausgebrannten Soldaten, der gerade seine Familie meuchelt. Dann nimmt der Fall um die 36 Gerechten jeder Menschengeneration an Fahrt auf und auch hier beherrschen die Dänen Anders Rønnow Klarlund und Jacob Weinreich das Mystizismus-Handwerk besser als mancher Kollege und verstolpern sich nicht und verwöhnen den Genre-Liebhaber mit literarischem Anspruch bis zum Showdown.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2011 | 608 Seiten | Festeinband* | € 19,99
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